Neumitglied Hutchinson: Welcome-Interview mit CEO Michael Klein

Mitglieder im Fokus

  • 14.07.2021

„Aus Rhein-Neckar und Rhein-Main könnte der stärkste Wirtschaftsraum Deutschlands entstehen“

Unkaputtbare Räder, schusssichere Karosserien und Scheiben, selbstheilende Fahrzeugtanks: Das und vieles mehr gehört zum spektakulären Portfolio von Hutchinson in Mannheim. Weltweit setzen Kunden aus dem Automobilsektor oder der Luft- und Verteidigungsindustrie auf die innovativen Produkte, nutzen Polizeien, Streitkräfte, Feuerwehren, Zentralbanken oder Industrieunternehmen die Sicherheitsanwendungen. Im Welcome-Interview nimmt uns CEO Michael Klein mit in eine Welt, in der Materialforschung und Gewichtseinsparungen im Fokus stehen. Außerdem verrät uns der ehemalige Generalstabsoffizier der Bundeswehr, was sich das Unternehmen aus Rhein-Neckar vom Netzwerken weiter nördlich verspricht und wie er die beiden starken Nachbar-Metropolregionen im Zusammenspiel sieht. Herzlich willkommen in der Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain!

Herr Klein, was sollte man über das traditionsreiche Industrieunternehmen Hutchinson wissen? Wo liegen die Stärken und Schwerpunkte?

Hutchinson hat eine besondere Geschichte: Gegründet wurde das Unternehmen bereits 1853 im französischen Montargis, südlich von Paris, von Hiram Hutchinson, einem Amerikaner und Zeitgenossen des Kautschuk-Pioniers Charles Goodyear. 1860 eröffnete er sein zweites Werk – in Mannheim. Damit zählt Hutchinson zu den ältesten Mannheimer Firmen, die durchgängig ihren Namen beibehalten haben. Nur die Eichbaum Brauerei ist noch älter. Los ging es unter anderem mit Fahrrad- und Motorradreifen sowie Materialien für die ersten Luftschiffe und Flugzeuge. Unsere Produkte spielten also von Beginn an eine zentrale Rolle im Bereich Mobilität. Spulen wir einmal gut hundert Jahre vor: Seit 1974 ist Hutchinson Teil der Chemiesparte des TotalEnergies-Konzerns.

Heute ist die Hutchinson-Gruppe mit Sitz in Paris ein global aufgestelltes Unternehmen mit ca. 43.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 4,5 Milliarden Euro. 70 Prozent der Kunden stammen aus dem Automobilsektor, 30 Prozent aus dem Bereich Aerospace, Defence & Industry. Wir verstehen uns als Technologiekonzern mit einer hohen Innovationskraft und einer sehr gut ausgestatteten Research & Development-Struktur. Unser Schwerpunkt liegt in der Materialforschung, wir arbeiten zum Beispiel mit Kautschukmischungen, Polymeren, Polycarbonaten oder Polyurethanen. Es geht hier oft um gewichtseinsparende Materialien, die so auch Emissionen reduzieren helfen. In der Sensorik messen wir Performance-Parameter und schauen, ob wir am Material noch etwas verbessern können. Zudem sind wir stark in alternative Antriebsysteme involviert. Im Umfeld von Batterietechnologien sorgen wir unter anderem dafür, dass die Batteriesysteme in Elektrofahrzeugen optimal klimatisiert werden. Wir sind also nah dran an vielen Zukunftsthemen.

Was produziert Hutchinson am Standort Mannheim? Welche Märkte bedienen Sie von dort aus?

Zunächst einmal ist Mannheim der Sitz der Hutchinson GmbH und Sitz der Geschäftsführung der Hutchinson Deutschland Holding GmbH. Wir haben einige weitere Standorte in Deutschland, aber Mannheim spielt seit jeher eine zentrale Rolle. Alle Standorte in Deutschland gehören zur Aktivität Aerospace, Defence & Industry. In Mannheim sind derzeit rund 300 Mitarbeiter beschäftigt, hier arbeiten Entwicklungsingenieure unter anderem an Innovationen für den Unternehmensbereich Wehrtechnik, Sonderschutz und Industrie – ein sehr spezieller und sehr spannender Aufgabenbereich.

Wir produzieren ca. 10.000 Radbaugruppen mit Notlaufsystemen für Spezial- und Sonderschutzfahrzeuge, die bei Streitkräften, Polizeien, Zentralbanken, Feuerwehren – dazu zählt zum Beispiel auch die Flughafenfeuerwehr von Fraport – etc. im Einsatz sind. Es handelt sich hier um leichte und hochtragfähige Aluminiumfelgen mit integrierten Notlaufsystemen, die auf besondere Weise hergestellt werden. So kann das Fahrzeug nach einem Reifenschaden weiterfahren, ohne anhalten zu müssen. Alle genannten Fahrzeugarten haben ein gemeinsames Problem: Sie sind zu schwer, Abgasnormen müssen erfüllt werden, zusätzliche Einrüstungen auf solchen Fahrzeugen erfordern hohe Zuladungsfaktoren. Ein Anwendungsfall aus der Industrie illustriert das gut: Stellen Sie sich einen großen, mehrachsigen Schwerlastkran vor, der zum Beispiel Windräder aufstellt. Die Felge eines Schwerlastkrans wiegt 120 Kilogramm. Wenn wir sie durch eine unserer Felgen ersetzen, können wir das Gewicht auf 60 Kilogramm halbieren – bei gleicher Radlast. Da kommt eine enorme Gewichtseinsparung zusammen. Das ist ein Produkt, das in Mannheim endmontiert und gefertigt wird. Hier sind wir Weltmarktführer. So stammen etwa 90 Prozent der geschützten Radbaugruppen der NATO von Hutchinson. Im Übrigen: Hätten Linienbusse und Lkws unsere Systeme zumindest auf der gelenkten Achse, gäbe es deutlich weniger Unfälle. Leider ist die Bereitschaft der Logistikbranche, in diesem Bereich zu investieren, bisher noch nicht sehr stark ausgeprägt. So etwas müsste – ähnlich wie beim Abbiegeassistenten – von der Politik forciert werden.

Darüber hinaus stellen wir in Mannheim ballistischen Schutz für Fahrzeugtanks und Tankwagen sowie Explosionsschutz her. Wir nutzen dabei unsere chemische Expertise, um für den jeweiligen Anwendungsfall hocheffiziente und gewichtsoptimierte Produkte zu entwickeln. Bei den Tanks kommen zum Beispiel selbstheilende Oberflächen zum Einsatz – das Oberflächenpolymer reagiert chemisch mit dem Treibstoff und dadurch verschließen sich die Ein- und Austrittsöffnungen zum Beispiel nach Beschuss in Millisekunden wieder. Auch ballistischer Leichtschutz, der in Fahrzeugstrukturen – in die Tür, das Dach, das Heck – eingebracht wird, gehört zu unseren Produkten. Die Vorteile: Man sieht es dem Fahrzeug nicht an, dass es sondergeschützt unterwegs ist und es wird nicht wesentlich schwerer. Wir adressieren hier das Feld zwischen dem normalen ungeschützten Pkw und einem schwergepanzerten Fahrzeug, wie es Top-Politiker nutzen.

Produkte für den Automobilsektor werden nur in unseren europäischen Werken außerhalb Deutschlands hergestellt. 2019 haben wir eine letzte kleine Automobilteileproduktion des Bereiches Fluid Management Systems in Mannheim geschlossen und teilweise verlagert – zunehmender Kostendruck und der laufende Technologiewandel machten es notwendig. Das Projekt- und Vertriebsmanagement, um den sehr wichtigen deutschen Automobilmarkt zu bedienen, läuft jedoch nach wie vor über Mannheim und unsere Außenstellen. Durch unsere Exportstärke sind wir weltweit im Einsatz.

Wie nehmen Sie die Regionen Rhein-Neckar und FrankfurtRheinMain als Industriestandorte wahr? Wo gibt es Verbesserungsbedarf?

Rhein-Neckar und Rhein-Main sind zwei benachbarte, extrem starke Wirtschaftsregionen und beide sehr wichtig für Deutschland. Nach meiner Wahrnehmung widmen sie sich unterschiedlichen Schwerpunktmärkten. Rhein-Neckar ist deutlich der Chemie- und Pharmaindustrie sowie dem Automobilsektor zuzuordnen, Rhein-Main der Banken-, Dienstleistungs- und Logistikbranche. Wenn man es schaffen würde, die Regionen auch über Ländergrenzen hinweg zu verbinden, könnte aus Rhein-Neckar und Rhein-Main der stärkste Wirtschaftsraum Deutschlands entstehen.

In Mannheim sind wir gut verknüpft mit der Wirtschaftsförderung der Stadt, die uns bei unseren Belangen stets unterstützt. Insgesamt ist die Region Rhein-Neckar ein wirtschaftsfördernder Raum. Wir fühlen uns als Traditionsunternehmen in Mannheim wahrgenommen und seit 161 Jahren gut aufgehoben. Dennoch: Man hat in der Pandemie deutlich feststellen können, dass die Wirtschaft und die öffentliche Verwaltung nach unterschiedlichen Parametern arbeiten.

„FrankfurtRheinMain" – was bedeutet das für Sie?

FrankfurtRheinMain ist einer der wichtigsten Wirtschaftsräume in Deutschland mit einer großen Anzahl von sehr interessanten, innovativen Unternehmen – das zeigt nicht zuletzt die Liste der Wirtschaftsinitiative-Mitglieder. Unsere Wachstumsstrategie heißt: „Für vorhandene Produkte neue Märkte erschließen oder neue Produkte in vorhandenen oder neuen Märkten etablieren". Hierfür bietet es sich an, Netzwerke zu erweitern und zu prüfen, ob sich Elemente unserer Wachstumsstrategie umsetzen lassen. Unsere Schutztechnologien sind auch in vielen anderen Anwendungsfeldern denkbar – sei es an Flughäfen, in Bahnen, in gewissen Gebäuden oder an Stellen, die wir jetzt noch gar nicht im Blick haben.

Mit unserer Mitgliedschaft in der Wirtschaftsinitiative verbinde ich, dass wir uns stärker in dieser starken Nachbarregion etablieren und über den Tellerrand schauen, um nach einiger Zeit bewerten zu können, ob es für Hutchinson in FrankfurtRheinMain Wachstums- und Innovationsmöglichkeiten gibt.

Was erwarten Sie als neues Mitglied von einem regionalen Unternehmernetzwerk wie der Wirtschaftsinitiative?

Meine Erfahrung zeigt, dass Netzwerke immer Effekte haben. Vielleicht nicht direkt und unmittelbar, aber oft ergeben sich auf der Zeitachse Kontakte und Möglichkeiten, an die man selbst nie gedacht hätte. So funktioniert Netzwerken! Wir haben bei Hutchinson auch viel zu bieten, sind sehr gut vernetzt in die unterschiedlichsten Bereiche von Industrie, Wirtschaft und Experten hinein. Vielleicht können wir so auch neue Impulse in die Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain einbringen und damit einen synergetischen Beitrag dazu leisten, zwei der wichtigsten deutschen Wirtschaftsregionen einander näher zu bringen.

Mehr unter:
www.hutchinson.com/de
www.hutchinsoninc.com

Zur Person:
Michael Klein ist CEO der Hutchinson Holding GmbH sowie der Hutchinson GmbH mit Sitz in Mannheim. Bereits 2008 trat er in die Unternehmensgruppe ein, die zum französischen TotalEnergies-Konzern gehört – zunächst als Direktor Vertrieb für den Unternehmensbereich Wehrtechnik, Sonderschutz & Industrie. Später übernahm er die Position des Vice President Europe Defense & Mobility Systems. Vor seinem Wechsel in die Industrie war Klein 22 Jahre für die Bundeswehr tätig. Seine Offizierslaufbahn führte ihn unter anderem ins EUROCORPS-Hauptquartier nach Strasbourg sowie zu Auslandeinsätzen in Bosnien und Afghanistan. Zudem war er Referent für internationale Zusammenarbeit im Führungsstab des deutschen Heeres im Bundesministerium für Verteidigung.

Fotos © Hutchinson GmbH

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