Neumitglied CrowdDesk: Welcome-Interview mit Gründer und Geschäftsführer Johannes Laub

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  • 18.03.2021

„Unternehmerisches Denken können wir in der Region nie genug haben“

Wie gut Schwarmfinanzierung und das regionale Prinzip zusammenpassen, erfährt, wer Johannes Laub zuhört. Denn es geht bei dieser Form der digitalen Kapitalbeschaffung gerade auch darum, ins direkte Umfeld zu schauen. Welchen Beitrag CrowdDesk mit seiner Software hier konkret für mittelständische Unternehmen wie für professionelle Finanzakteure leisten kann, erläutert der Startup-Gründer und Geschäftsführer im aktuellen Interview. Als „Kind der Region" hat er aus den rheinhessischen Weinbergen auf die Frankfurter Bankentürme geschaut, jetzt will er nicht nur die Finanzwelt verändern, sondern sich auch in der Wirtschaftsinitiative für die Metropolregion starkmachen. Welcome!

Ihr seid ja bestimmt ziemlich pitch-erprobt. Also mal los: Was macht CrowdDesk? Wie lässt sich Euer Geschäftsmodell in wenigen Sätzen beschreiben?

Ja, tatsächlich bin ich inzwischen sehr geübt im Pitchen. Ich versuche, es hier aber noch kürzer zu halten: Wir machen es Unternehmen – vom KMU bis hin zur Großbank – möglich, mit einer Software Finanzinstrumente zu kreieren. Dazu muss man wissen: Das ist gemeinhin regulatorisch schwierig, papierbasiert, sehr intransparent und komplex – was viele Unternehmen davon abhält. Mit unserer Software schaffen wir es, diesen Berg aus verschiedenen Hürden zu überwinden, genauer gesagt zu durchbrechen. Wir bauen einen Tunnel hindurch und bündeln alle Schritte, die bei einer Finanzierung über den Kapitalmarkt nötig sind, in einer Softwarelösung. So kann sich ein mittelständisches Unternehmen direkt an den Kapitalmarkt wenden und Geld aus dem eigenen Netzwerk, aus seiner Umgebung einsammeln – deshalb finden wir im Übrigen auch regionale Konzepte wie FrankfurtRheinMain sehr spannend. Unternehmen können sich auf diese Weise selbst helfen. Unser Ansatz geht aber so weit, dass auch Banken dieses Prinzip für sich anwenden und ihren Kunden neue Finanzinstrumente anbieten können. Das ist es, was wir tun – einfach und schnell zusammengefasst.

Welche Zielgruppen sprecht Ihr mit Eurer Lösung ganz konkret an? Was sind typische Use Cases?

Zum einen adressieren wir Player, die jetzt schon Netzwerkkapital einsammeln, zum Beispiel Immobilienprojektentwickler. Oder kleine mittelständische Unternehmen – da geht es hauptsächlich um Eigenkapital oder Mezzanine-Kapital. Es sind aber auch Unternehmen dabei, die aus Marketinggründen ihr Umfeld mit einbinden wollen, etwa Erneuerbare-Energien-Projektentwickler oder Quartiersentwickler. Und es gibt natürlich auch den opportunistisch getriebenen Unternehmer, der sagt: So kriege ich mein Geld schneller und günstiger. Das ist die eine Seite: Unternehmen, die Geld für sich selbst „raisen". In unserer zweiten großen Kundengruppe finden sich dann die professionellen Finanzmarktteilnehmer. Knapp 20 Banken nutzen bereits unsere Software, daneben große Fondsgesellschaften. Sie können damit Produkte, die sie vorher offline platziert haben, online platzieren. Wichtig ist: Wir haben es geschafft, beide Kundengruppen miteinander auf unserer Software zu vernetzen. Das heißt: Der Unternehmer, der für sich selbst Geld einsammelt, kann auch bei der Bank gelistet werden, die wiederum ihren Privatkunden eine Asset-Klasse anbietet, in die sie vorher noch nicht investieren konnten.

Wie habt Ihr die Corona-Zeit bisher erlebt? Welche Rolle spielen digitale Finanzierungsinstrumente in der Krise?

Hier gibt es eine eindeutige Antwort: Als digitales Unternehmen haben wir mit unserem Geschäftsmodell noch mehr Wind unter den Flügeln bekommen. Weil wir Kunden gewonnen haben, die ihre Prozesse schon immer digitalisieren wollten, es jetzt aber tatsächlich tun mussten. Das hat dazu geführt, dass Banken und Fondsgesellschaften verstärkt auf uns aufmerksam geworden sind. Zudem beschäftigen sich viele Unternehmer gerade in Krisenzeiten mit alternativen Kapitalquellen – auch die haben uns mehr aufs Radar bekommen. Und dann sind da noch die Investoren. Privatanleger wissen bei solchen digitalen Vermögensanlagen genau, wo ihr Geld landet und was damit finanziert wird. Der Bedarf nach mehr Transparenz und Individualisierung ist aber kein Corona-Phänomen, sondern ein Mega-Trend, der sich schon länger beobachten lässt.

Tatsächlich sind wir innerhalb eines Jahres um 100 Prozent gewachsen, haben uns also verdoppelt. Geschäftlich haben wir keinen negativen Impact gehabt, auch wenn es zwischenzeitlich starke Unsicherheiten gab. Ich glaube, die Corona-Situation trifft bei uns am meisten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir sind ein Team mit einem Schnitt unter 30 Jahren. Wer bei uns arbeitet, möchte in einem Tech-Umfeld arbeiten, möchte einen Impact haben, möchte mit Leuten zusammenarbeiten, die „like-minded" sind. Zusammenarbeiten heißt natürlich auch: sich sehen. Für viele ist es die erste Berufsstation und deshalb besonders schwer ohne den persönlichen Kontakt und die Vernetzung mit den Kolleginnen und Kollegen. Aber das ist die neue Normalität, das kann man im Moment nicht ändern. Weh tut es trotzdem. Für unser Team, aber auch für mich fehlt gerade ein Stück Arbeits- und Lebensqualität.

Wer steckt hinter CrowdDesk? Und warum habt Ihr Euer Unternehmen eigentlich in Frankfurt gegründet?

Jamal El Mallouki und ich sind Freunde seit Jugendtagen. CrowdDesk haben wir 2015 gestartet, davor zwei andere Investment-Plattformen initiiert – 2011 LeihDeinerStadtGeld und 2013 LeihDeinerUmweltGeld. Wir haben für uns bereits damals erkannt, welche Kraft im privaten Kapitalmarkt steckt, aber dass dieser kaum digitalisiert und organisiert ist. 2015 folgte der Pivot. Die Software, die hinter den beiden Vorläufern steckte, stellen wir nun als White-Label-Lösung im SaaS-Format allen Unternehmen zur digitalen Kapitalbeschaffung zur Verfügung.

Warum Frankfurt? Zunächst einmal: Weil wir von hier sind. Wir kommen beide aus dem rheinhessischen Oppenheim, das im Kreis Mainz-Bingen liegt und somit ja auch zur Metropolregion gehört. Frankfurt war für uns tatsächlich immer ein bisschen ein Sehnsuchtsort. Bei uns in den Weinbergen sieht man bei gutem Wetter die Hochhäuser. Diese Szenerie fanden wir spannend und haben uns früh mit der Finanzwelt beschäftigt. Wir sind dann direkt nach dem Abi nach Frankfurt gegangen und haben uns dort unsere ersten Sporen verdient. Die besagten Vorgänger-Unternehmen von CrowdDesk haben wir in Mainz gegründet, dann aber gemerkt: Die Skalierung ist in einer kleineren Stadt schwierig, mit der Weiterentwicklung des Geschäftsmodells müssen wir nach Frankfurt. Und natürlich haben wir auch die Vernetzung mit anderen großen Finanzunternehmen im Blick gehabt. Wir sind ein FinTech und wurden am Anfang als Challenger eingeordnet, der die Finanzwelt überrumpeln will – so haben wir uns nie gesehen. Wir wollen mit den anderen Playern gemeinsam eine Weiterentwicklung und Verbesserung vorantreiben. Das klappt inzwischen auch gut, denn bei den etablierten Akteuren hat ein Umdenken stattgefunden.

Was schätzt Ihr am Standort und Startup-Ökosystem FrankfurtRheinMain – und was muss besser werden?

Super finde ich die vielen Hochschulen, die wir in der Region haben. Als junges Unternehmen sind wir darauf angewiesen, hochqualifizierte und motivierte junge Leute zu finden. Wir kommen jetzt erst in eine Phase, in der wir auch etabliertere Mitarbeiter mit mehr Berufserfahrung bei uns integrieren können. Ein weiterer Vorteil der Region: das starke Netzwerk, aus dem wir sowohl Kunden als auch Zulieferer generieren können. Wir hatten ein tolles Sprungbrett.

Aber ganz offen gesagt: Die Finanzierung ist und bleibt für Startups ein wirklich schwieriges Thema. Wir haben tatsächlich mehr Gespräche mit Investoren aus New York als aus Frankfurt geführt. Und diese Investoren sind aktiv auf uns zugekommen. Da merkt man einfach: Weil die Region wirtschaftlich so stark ist, ist der Bedarf an neuen Ideen gefühlt nicht so ausgeprägt. Wir brauchen einfach noch viel mehr echtes Risikokapital – von Investoren, die es verzeihen können, wenn auch mal Geld verloren geht. Nur so können richtige Champions entstehen – die neue Deutsche Bank, die neue Deutsche Börse. Es geht darum, unternehmerisches Denken zu fördern und zu incentivieren – in der Politik, in der Schulbildung, bei Privatinvestoren. Es wird noch eine Weile dauern, bis wir hier Gründer haben, die nach einem Exit viel Geld in der Region reinvestieren können. Der Gründer von Lieferando kommt übrigens aus Guntersblum – das ist zwei Orte weiter als Oppenheim. Viele in der Region wissen das gar nicht. Jörg Gerbig ist jetzt in Berlin zu Hause, er engagiert sich dort. Ich glaube, wir müssen uns immer wieder fragen: Was können wir in der Region besser machen? Steuerliche Anreize liegen außerhalb unseres Wirkungskreises. Aber Unternehmen können zum Beispiel über einfache Mitarbeiterbeteiligungen schon einiges in den Köpfen bewirken. Das wird aus meiner Sicht noch zu wenig gelebt. Dafür können wir übrigens die Lösung bereitstellen und haben das bereits erfolgreich für zahlreiche Unternehmen getan. Unternehmerisches Denken können wir in der Region nie genug haben.

Ihr seid über den Gewinn der „Startup of the Year"-Auszeichnung von Frankfurt Forward Mitglied der Wirtschaftsinitiative geworden. Was erwartet Ihr von einem regionalen Unternehmernetzwerk?

Ich freue mich auf die Vernetzung und fände es unglaublich spannend, mit anderen Entscheidern in den Erfahrungsaustausch zu gehen. Der eine führt vielleicht einen großen Konzern, ich dagegen ein kleines digitales Unternehmen, das sich jedes Jahr verdoppelt. Das sind ganz unterschiedliche Metriken, die da aufeinanderstoßen. Und dennoch kann daraus gegenseitiger Erkenntnisgewinn entstehen – davon bin ich überzeugt. In unserem Beirat ist zum Beispiel der ehemalige Finanzminister Hans Eichel vertreten, der uns schon viele wertvolle Hinweise mit auf den Weg gegeben hat.

Wo wollt Ihr mit CrowdDesk noch hin?

Unsere Vision sieht so aus: Wir wollen jedem den einfachen und schnellen Kapitalzugang ermöglichen. Jedes KMU bis hin zur Bank kann damit ein eigenes kleines Investmenthaus sein und das Glück in die eigenen Hände nehmen. Und: Wir wollen die Herangehensweise ändern, wie Unternehmen Kapital einsammeln. Das geht nach wie vor oft über Intermediäre. Wir glauben, dass es dank unserer technischen Lösung auch viele direkte Verbindungen geben kann. Das macht die Wirtschaft effizienter, führt Menschen näher ans Unternehmertum heran, sorgt dafür, dass neue Unternehmen entstehen und lässt sie schneller wachsen. So helfen wir wiederum, ganz viele unternehmerische Visionen möglich zu machen. Das treibt uns als Team an.

Vielen Dank!

Mehr unter:
www.crowddesk.de

Zur Person:
Als studierter Investmentfondskaufmann ist Johannes Laub Experte für Investment- und Finanzthemen. Bereits 2011 erkannte er das Potenzial von Schwarmfinanzierung und brachte mit seinem Jugendfreund Jamal El Mallouki LeihDeinerStadtGeld.de auf den Markt, die erste Crowdinvesting-Plattform, die sich im Bereich kommunaler Bürgerbeteiligung engagiert. 2015 riefen sie schließlich die CrowdDesk GmbH ins Leben, die sich auf die Digitalisierung von Finanzprodukten und Kapitalbeschaffung für Unternehmen spezialisiert hat. Auf Basis seiner jahrelangen Expertise leitet Johannes Laub aktuell das Unternehmen und ist für Finanz-, Marketing- und Vertriebsfragen zuständig.

Fotos © CrowdDesk GmbH

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