Mitglied Berenberg: Chefvolkswirt Dr. Holger Schmieding gibt Wirtschaftsinitiative-Netzwerk positiven Konjunkturausblick

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  • 29.01.2021

„Die 2020er könnten ein goldenes Jahrzehnt werden“

Gute Nachrichten sind im Moment rar. Die zweite Corona-Welle rollt, der Lockdown läuft und Menschen wie Unternehmen sehnen die Trendumkehr herbei. Umso erfreulicher, dass Dr. Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei Mitglied Berenberg und einer der renommiertesten Bank-Ökonomen Europas, konjunkturellen Optimismus verbreitet. Bei einer gemeinsamen Digitalveranstaltung ließ er das Wirtschaftsinitiative-Netzwerk an seinen fundierten Analysen und Einschätzungen teilhaben. Seine Prognose: Vieles wird gut, vielleicht sogar sehr gut.

Profilierter Prognostiker

Dr. Holger Schmieding ist ein Experte, dessen Wort großes Gewicht hat. Mehrfach wurde er für seine Vorhersagen ausgezeichnet, war „Prognostiker des Jahres" und dreimal bester Bankenvolkswirt in Europa. Bevor er 2010 zu Berenberg kam, arbeitete er unter anderem am Kieler Institut für Weltwirtschaft, beim Internationalen Währungsfonds und bei der Bank of America Merrill Lynch. Für die Mitglieder der Wirtschaftsinitiative nahm er sich jetzt die Zeit, gemeinsam auf die wichtigsten volkswirtschaftlichen Faktoren zu schauen. Oliver Pietsch, seit kurzem Leiter Wealth Management bei Berenberg in Frankfurt und das neue Gesicht der Privatbank in der Region, nutzte die Gelegenheit, Dr. Schmieding einzuführen und sich im Netzwerk persönlich vorzustellen.

Der Aufschwung kommt – aber wann?

„Der Start in die Dekade war denkbar schlecht, die kommenden Monate bleiben düster. Aber: Die nächsten zwei Jahre werden sehr gut. Und: Die 2020er könnten ein goldenes Jahrzehnt werden", konstatierte Dr. Schmieding direkt zu Beginn. Worauf er sein volkswirtschaftliches Bild aufbaut? „Nach dem großen Absturz im letzten Jahr ging es stärker wieder nach oben als gedacht. Zudem konnten wir 2020 nicht so viel ausgeben, wie wir wollten. Das löste einen starken Anstieg unfreiwilliger Ersparnisse aus." In den USA sparten private Haushalte ungefähr zehn Prozent ihres Verbrauchs ein, in Deutschland liegt dieser Wert bei etwa fünf Prozent. „Wenn die Menschen nur einen Teil davon absehbar ausgeben, entsteht viel Rückenwind für den Aufschwung. Das ist eine wichtige Grundlage für meinen konjunkturellen Optimismus." Fraglich sei für ihn nur, wann der Aufschwung genau starte.

Auch die Unternehmensinvestitionen würden bald zunehmen, so Dr. Schmieding. „Es gib weltweit ein großes Bedürfnis, wieder mehr zu produzieren. Ein gutes Beispiel ist der Halbleiter-Engpass. Verschobene Aufträge wie etwa in der Automobilindustrie werden dadurch aber nur später abgearbeitet, nicht abgesagt." Deutschland werde das Wirtschaftsniveau von vor der Pandemie entweder Ende dieses Jahres oder Anfang des nächsten Jahres wieder erreicht haben und liege damit vor dem EU-Durchschnitt, prognostizierte der Berenberg-Chefvolkswirt. Die USA seien früher dran, Großbritannien dagegen erst deutlich später, ungefähr im dritten Quartal 2022. UK habe sich durch den EU-Austritt selbst geschwächt und seine Chancen auf eine goldene Dekade gemindert. Für Kontinentaleuropa sieht er Brexit-bedingt keine großen Auswirkungen.

Zwischen Produktivitätswachstum und Fachkräftemangel

„Für das Jahrzehnt bin ich in der Tat recht optimistisch, womöglich wird es sogar besser als das vorherige – vorausgesetzt, es gibt eine vernünftige Wirtschaftspolitik." Der Schlüssel hierfür sei Wachstum, nicht eine höhere Besteuerung. „Ich erwarte mehr Produktivitätswachstum. Durch den Schock der Pandemie gibt es einen Digitalisierungsschub. Technologien, die bereits existieren, werden schneller und konsequenter verbreitet. Und: Krisen können immer auch Treiber von Innovation sein."

Was den Fachkräftemangel betrifft, schätzt Dr. Schmieding, dass dieser in rund einem Jahr wieder zum Tragen kommen wird. „Der demografische Wandel ist im Gange, die geburtenstarken Jahrgänge gehen in Rente, dadurch steigt die Abhängigenquote." Vollbeschäftigung werde wieder möglich sein, es entstehe Aufwärtsdruck auf Löhne und Preise. „Die Staaten haben im Zuge der Krise sehr tief in die Tasche gegriffen, können die Schulden aber derzeit zu guten Bedingungen finanzieren." Auch Unternehmen tragen eine höhere Schuldenlast bei niedrigen Finanzierungskosten. „Ich sehe nicht, dass eine große Pleitewelle unmittelbar bevorsteht. Insolvenzen werden sich eher auf die kommenden voraussichtlich drei Jahre verteilen."

Grünes Licht für den Welthandel

Zuletzt blickte Dr. Schmieding noch auf die Globalisierung. Für den Welthandel sehe es gut aus. „Es gibt weitere Wachstumspotenziale, aber der Welthandel wird sein Gesicht verändern – weniger Austausch von Gütern, mehr Austausch von Daten und Dienstleistungen." Seine Hoffnung sei es, dass die nun von Präsident Biden geführten USA und Europa wieder enger zusammenrückten und China etwas entgegenzusetzen wüssten. So attraktiv der chinesische Markt derzeit sei: „Längerfristig bin ich für das Land nicht so optimistisch." Als Gründe nannte er die Demografie, die auch hier eine große Rolle spiele, die hohe Verschuldung und das politische System. Die einseitige Machtfülle von Staatspräsident Xi und zunehmende Staatseingriffe könnten China irgendwann wirtschaftlich schaden.

Zum Abschluss konnten sich die rund 50 virtuell zugeschalteten Teilnehmer via Chat an einer Fragerunde beteiligen. Prof. Dr. Wilhelm Bender, Vorstandsvorsitzender der Wirtschaftsinitiative, dankte Dr. Schmieding für den positiven Ausblick und Berenberg für die virtuelle Gastfreundschaft. Oliver Pietsch schloss mit einer Botschaft an die Co-Mitglieder: „Ich freue mich darauf, mit Ihnen die Region FrankfurtRheinMain gemeinsam voranzubringen. Wir werden bestimmt viele Anknüpfungspunkte finden."

Mehr unter:
www.berenberg.de/schmiedingsblick
Oliver Pietsch im Wirtschaftsinitiative-Interview

 

Foto/Grafik © Joh. Berenberg, Gossler & Co. KG

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