Neumitglied CargoSteps: Welcome-Interview mit COO Murat Karakaya

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  • 27.05.2020

Wie ein Frankfurter Startup den B2B-Express- und Kuriermarkt verändern will

CargoSteps ist eines der spannendsten Jungunternehmen der Region – und als Gewinner des Frankfurter Startup of the Year-Awards seit einigen Monaten Teil der Wirtschaftsinitiative. Herzlich willkommen in unserem Netzwerk, Murat Karakaya! Der Chief Operating Officer & Gesellschafter erzählt im ausführlichen Interview, wie er und seine Co-Gründer Leerfahrten im B2B-Express- und Kuriergeschäft reduzieren wollen, welche Rolle dabei das Echtzeittracking von Fahrern spielt und was die Corona-Krise mit dem Startup-Ökosystem FrankfurtRheinMain macht.

Herr Karakaya, die COVID-19-Pandemie stellt Logistikunternehmen und Startups gleichermaßen vor große Herausforderungen. Wie ist es Ihnen und CargoSteps in den letzten Wochen ergangen?

Die Arbeit bei CargoSteps hat sich im Kern kaum verändert. Unsere Kommunikation war auch vorher schon durchdigitalisiert und ist gut eingespielt. Aber natürlich hat uns alle die Wucht der Pandemie überrumpelt. Es galt, sich neu zu sortieren. Wir haben unsere Entwicklungsroadmap angepasst, Dinge vorgezogen und so die Zeit gut nutzen können. „Sign on Glass" und „Digital Paperwork" heißen zwei Funktionen unserer Lösung, die die kontakt- und papierlose Abwicklung von Sendungen unterstützen. Der Markt fährt langsam wieder hoch und diese neuen Features wurden natürlich gerade jetzt gut aufgenommen. Wir konnten zwischenzeitlich sogar einige neue Kunden gewinnen.

Wenn wir im Fahrstuhl wären (natürlich mit dem derzeit gebotenen Abstand): Wie würden Sie Ihr Unternehmen kurz und knackig beschreiben?

CargoSteps ist auf Transparenz, Digitalisierung und Optimierung der Logistik spezialisiert. Hierbei spielt die Einführung von unternehmensübergreifenden Prozessen eine große Rolle. Mit unserer Track & Trace-Lösung für die B2B-Logistik schaffen wir es, beteiligte Unternehmen – vom Großkonzern über den Mittelstand bis zum Ein-Mann-Betrieb – zu verknüpfen.

Was kann Ihre Track & Trace-Lösung genau?

Unser Thema ist die unternehmensübergreifende Echtzeitsendungsverfolgung für den B2B-Express- und Kuriermarkt. Wir haben ein System gebaut, das zwei Kernelemente verbindet: eine Web-Anwendung, bei der sich das Kundenunternehmen einloggt, und eine mobile App, die sich auf dem Handy des Kurierfahrers befindet. Wir tracken den Fahrer mit seinem Handy, weil er immer bei der Fracht ist. Dadurch können wir alle Steps der Auslieferung abbilden.

Der Logistikmarkt ist stark fragmentiert, es gibt sehr viele Kleinunternehmen und eine ausgeprägte Subunternehmerstruktur. Das gilt umso mehr für den B2B-Express- und Kuriermarkt – eigentlich eine Nische, aber immerhin reden wir von ca. sieben Milliarden Sendungen im Jahr weltweit. Hier geht es um zeitkritische oder hochpreisige Dinge. Dazu gehören Organe, Medikamente, Ersatzteile, Wertfracht.

Der große weiße Fleck ist immer die Straße. Die meisten Speditionen und Kurierfirmen verwenden bislang kein gemeinsames Tracking-System. Das bedeutet zahlreiche Medienbrüche, viele Fehlerquellen, viel Aufwand für Disponenten. Hier setzen wir mit CargoSteps an. In unserer Web-Anwendung können Aufträge gemonitort und bearbeitet werden – auf Wunsch maßgeschneidert. Via Schnittstelle lässt sich die Lösung in bestehende Systeme integrieren. Die mobile App für die Fahrer steht zudem in 14 Sprachen zur Verfügung. Sobald der Fahrer in der App den Auftrag akzeptiert und sich auf den Weg zur Ladestelle begibt, beginnt das Tracking. Jetzt werden kontinuierlich Statusinformationen ermittelt und erfasst, bis die Sendung ausgeliefert ist. Alles in Echtzeit im System abrufbar. Damit lassen sich nicht nur die Kunden viel besser zufriedenstellen, sondern auch 40 bis 70 Minuten Zeitersparnis pro Disponent pro Tag erreichen. Derzeit wird unser System bereits von rund 1.700 Kunden in 22 Ländern genutzt. Aber das Tracking ist eher ein Mittel zum Zweck. CargoSteps hat eigentlich etwas ganz anderes im Sinn...

Wo soll die Reise denn hingehen?

Bisher haben wir das Echtzeittracking in einer Testphase kostenlos angeboten, seit Anfang März werden 29,95 Euro pro Unternehmen pro Monat fällig. Unser eigentliches Geschäftsmodell ist aber nicht das Tracking: Wir wollen Leerfahrten reduzieren, die im Express- und Kuriergeschäft einen hohen Anteil ausmachen. Optimal wäre es doch, wenn ein Fahrer, der eine Sendung von A nach B gebracht hat, automatisch eine Rückladung von B nach A angezeigt bekäme. Unser System soll das künftig leisten. So können wir die Kapazitätsauslastung verbessern und Fahrten vermeiden, CO2 einsparen und das Klima schonen, die Verkehrsinfrastruktur entlasten und dem Problem des Fahrermangels begegnen. Diese sinnvolle und positive Entwicklung wollen wir vorantreiben.

Das kostengünstige und nützliche Tracking bildet den „Kleber", der Systeme und Spieler verknüpft. Wir brauchen so viele Kunden wie möglich, um Daten zu generieren und die notwendige Vernetzung gewährleisten zu können. Das hat auf dieser kleinteiligen Logistik-Ebene bisher noch niemand getan.

Wie begann die Gründergeschichte von CargoSteps?

Rachid Touzani und ich sind Kinderfreunde. Als Rachid 2007 in Kelsterbach eine Kurierfirma gründete, habe ich dort regelmäßig während meines Studiums gejobbt und die Logistik von der Pike auf kennengelernt. Irgendwann suchten wir ein Tool, das bestimmte Prozesse verbessert. Doch wir fanden keines, das den Anforderungen entsprach. Also sagten wir: Wir machen es selbst! Wir holten noch App Development-Experten mit ins Boot und 2016 ging es mit CargoSteps los. Die ersten Jahre waren sehr schwer. Wir haben ein richtig gutes Produkt, davon sind wir mehr denn je überzeugt. Aber der Logistikmarkt ist sehr konservativ, in seiner Kleinteiligkeit sehr zeitintensiv zu bearbeiten. Je kleiner die Unternehmen, desto skeptischer sind sie mit Blick auf Innovationen. Deshalb ist es für uns am wichtigsten, die Spediteure zu gewinnen. Wenn sie unser Tracking als Service-Standard für ihre Kunden setzen, spielen die Subunternehmer auch mit. Noch ist CargoSteps kein Selbstläufer, aber wir sind auf einem guten Weg.

Und: Unser Track Record kann sich ja durchaus sehen lassen. Zwei Jahre lang durften wir, gefördert vom Land Hessen, kostenfrei ein Büro im House of Logistics & Mobility (HOLM) beziehen und dort das tolle Netzwerk nutzen. Zudem haben wir verschiedene Awards gewonnen, darunter den Gründerpreis der Stadt Frankfurt, die Sprungfeder des Marketing Clubs Frankfurt und die Auszeichnung zum Frankfurter Startup of the Year. Einen solchen Motivationsschub brauchst Du als Startup immer wieder. Denn neben einem guten Team und einem guten Netzwerk zählt vor allem das Durchhaltevermögen.

Mögliche Konkurrenten werden wahrscheinlich bald kommen. Aber wir haben viereinhalb Jahre Vorsprung und noch viele Ideen. Für uns ist wichtig, Tempo aufzubauen. Deshalb haben wir unseren Tracking-Service jetzt niedrigschwellig kostenpflichtig gemacht, um mehr Mittel für die Weiterentwicklung generieren zu können.

Startups und FrankfurtRheinMain: Das war anfangs holprig, funktionierte zuletzt aber immer besser. Wo stehen wir hier?

Corona hin oder her: FrankfurtRheinMain ist und bleibt der beste Standort für CargoSteps. In Berlin wären wir nicht richtig aufgehoben. Für CargoSteps ist es wichtig, in einer wirtschafts- und logistikstarken Region ansässig zu sein, mit einem großen Frachtflughafen. Kurze Wege, eine gute Kunden- und Infrastruktur und die Internationalität der Region erleichtern die Entwicklung unseres Unternehmens enorm. Das Startup-Ökosystem FrankfurtRheinMain ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen – insbesondere im B2B-Bereich. Wir vernetzen uns gut miteinander, es geht familiär zu.

Doch es gibt zwei große Probleme für Startups in der Region: die Finanzierung und die Rekrutierung von Entwicklern. Hier müsste auch von Seiten der Politik etwas passieren. Es fließt einfach zu wenig Geld. Das liegt nicht zuletzt an der Investitionskultur in Deutschland. Und es bräuchte eine Strategie, qualifizierte Entwickler, etwa aus Osteuropa, direkt hierher zu lotsen und ihnen den Start in der Region so leicht wie möglich zu machen. Warum nicht eine Art „Boarding House FrankfurtRheinMain" für Entwickler einrichten? Das wäre ein echtes Asset im Kampf um diese essentiellen Fachkräfte!

Und was macht die Corona-Krise mit dem Startup-Ökosystem FrankfurtRheinMain?

Die aktuelle Situation ist natürlich extrem herausfordernd für Startups. Viele junge Unternehmen aus dem Software-Bereich haben es genauso gemacht wie wir und sich zunächst auf die Entwicklung konzentriert. Andere Startups haben es da deutlich schwerer. Natürlich nutzen die meisten die angebotenen Soforthilfen. Wir haben uns in Online-Meetings ausgetauscht, unterstützen uns gegenseitig. Es gibt einen großen Zusammenhalt – das Startup-Ökosystem lebt! Aber man muss auch realistisch sein: Diese Krise kann für viele Startups, nicht nur hier in FrankfurtRheinMain, existenziell werden.

Was erwarten Sie von einem Netzwerk wie der Wirtschaftsinitiative?

Wir sind als Frankfurter Startup of the Year zur Wirtschaftsinitiative gestoßen und freuen uns sehr darüber, Teil eines wichtigen Netzwerks zu sein, das sich für die Region einsetzt. Eine wirtschaftlich starke und verbundene Region hilft allen, davon sind wir überzeugt. FrankfurtRheinMain ist aber auch Heimat und daher gibt es bei mir und meinen Co-Gründern den persönlichen Wunsch, uns für das direkte Umfeld zu engagieren. Darüber hinaus erhoffen wir uns natürlich gute Kontakte zu Entscheidern von Top-Unternehmen, die uns weiterbringen. Wir sind einfach überzeugte Netzwerker.

Vielen Dank!

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Fotos © CargoSteps GmbH & Co. KG

Zur Person:
Murat Karakaya, 34 Jahre, Master of Engineering / Wirtschaftsingenieur, verfügt mittlerweile über insgesamt zehn Jahre Logistikerfahrung – zunächst sammelte er sie als Kurier während des Studiums, dann als Qualitätsmanager sowie seit fünf Jahren als COO und Mitgründer von CargoSteps, knapp zwei Jahre davon in den USA. Zu seinen Aufgabenbereichen bei CargoSteps zählen unter anderem die Abwicklung des Tagesgeschäfts sowie Marketing und Vertrieb.

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