Neumitglied Etanomics: Welcome-Interview mit Geschäftsführer Dr. Timm Rössel

Mitglieder im Fokus

  • 27.08.2020

„Jede Krise bietet auch Möglichkeiten und Chancen“

Energieverbrauch senken, Energiekosten sparen, CO2-Fußabdruck reduzieren: Diesen Herausforderungen wird sich künftig kein Unternehmen entziehen können, sagt Dr. Timm Rössel, Geschäftsführer unseres Neumitglieds Etanomics Service GmbH. Wie er mit seinem Beratungsunternehmen Kunden auf diesem Weg begleitet, welche Rolle die Viessmann-Tochter bei einem Vorreiterprojekt zum Vertical Farming in Kuwait spielt und was Ayrton Senna mit der Corona-Krise zu tun hat: All das verrät er im aktuellen Interview. Welcome!

Herr Dr. Rössel, was tut Etanomics? Was zeichnet Ihr Unternehmen aus?

Wir helfen unseren Kunden, Energie, Kosten und CO2-Emissionen einzusparen. Insbesondere unterstützen wir energieintensive Unternehmen – also solche mit hohen Verbrauchswerten und Energiekosten. Das beginnt bei der Potenzialfindung und reicht über die Erstellung von Business Cases bis hin zur Maßnahmenrealisierung. Wir sind sehr spezialisiert, während nahezu alle anderen Branchenakteure weitere Erwerbszweige haben. Mit unserem erfahrenen Team können wir rund 130 Projekte pro Jahr erfolgreich umsetzen. Dabei sind wir durchaus international aktiv, wenngleich der Fokus klar auf Deutschland liegt. Wir gehören zur Viessmann Group, aber sind als eigenständige Beratungsgesellschaft ausgegründet, da wir die Kerngeschäftsbereiche des Herstellers von Klima- und Kältelösungen nicht direkt flankieren.

Welche Leuchtturmprojekte beschäftigen Sie im Moment besonders? Was treibt Ihre Kunden um?

In diesem Jahr sticht ein Highlight-Projekt ganz klar heraus. Zusammen mit unseren Partnern &ever und Viessmann haben wir eine Indoor Vertical Farm mitten in der Wüste von Kuwait in Betrieb genommen. Das Gebäude ist zwölf Meter hoch, auf neun Ebenen wachsen Salatpflanzen und Kräuter – pro Tag entstehen so ca. 500 Kilogramm lokale Lebensmittel, komplett pestizid- und schadstofffrei. Aufgrund des hohen Einsatzes von künstlichem Licht, Belüftungstechnik etc. ist hier das Thema Energie sehr wichtig – so kam unsere Unterstützung ins Spiel. Food Security wird derzeit weltweit heiß diskutiert. Wir sind sehr stolz, dass wir zu den wenigen Unternehmen gehören, die solch ein neuartiges Projekt tatsächlich mit realisieren und ans Laufen bringen konnten.

Aktuell liegt unser Fokus zudem stark auf der Fördermittelberatung. Mitte des zweiten Quartals, also zur Hochphase der Corona-Situation hier in Deutschland, lief das so richtig an. Es gibt für den Einsatz regenerativer Energieträger unter Verminderung der CO2-Emissionen vielfältige Förderprogramme für Unternehmen. Übrigens ist das gerade auch für kleine und mittelständische Unternehmen sehr interessant, denn bisweilen können sie bis zu 80 Prozent der Beratungsleistung als Direktzuschuss bekommen – was viele nicht wissen. Für große Unternehmen sind Energie-Audits seit 2015 verpflichtend und müssen alle vier Jahre wiederholt werden. Auch hier unterstützen wir.

Was darüber hinaus bereits in den letzten zwölf Monaten an Wichtigkeit gewonnen hat, ist die Begleitung von Unternehmen auf dem Weg zur CO2-Neutralität. Vom Künstlerfarben-Produzenten bis zum Kindermöbel-Hersteller kamen Unternehmen auf uns zu, die ihr CO2-Footprint umtreibt. Dies entspricht ja sozusagen unserer Etanomics-DNA. Unsere Gründung geht auf ein bei der Viessmann Group umgesetztes Projekt zurück, mit dem man am Standort der Hauptverwaltung und der Hauptfertigung in Allendorf / Eder 80 Prozent der CO2-Emissionen reduzieren konnte. Das war 2012 und seitdem ist die Etanomics in diesem Themenfeld am Markt unterwegs.

Stichwort Corona. Die Krise betrifft uns alle. Wie spüren Sie die Auswirkungen?

Wir hatten zum Glück ein starkes erstes Quartal. Dann sind wir mit der neuen Situation konfrontiert worden – wie unsere Kunden, von denen sich viele in den Sektoren Industrie, Healthcare und Hospitality finden. Gerade in der Industrie und Hotellerie waren die Einschläge natürlich enorm. Das haben wir insbesondere im zweiten Quartal auch gespürt. Unsere Kunden waren durch Home Office und Kurzarbeit nicht mehr im gewohnten Maße an den Standorten präsent, was uns insbesondere die Projektumsetzung vor Ort erschwert hat.

Aber: Wir haben versucht, sehr schnell sehr agil zu sein und uns den Kundenbedürfnissen anzupassen. Denn jede Krise bietet auch Möglichkeiten und Chancen. Oder wie Formel Eins-Legende Ayrton Senna einmal sagte: „You can't overtake 15 cars in sunny weather ... but you can when it's raining." So haben wir zum Beispiel bestimmte Leistungen verstärkt in den Fokus genommen, etwa die genannte Förderberatung. Und natürlich steht auch die Kostensenkung in Krisenzeiten noch höher im Kurs. Gerade jetzt, wo es bei unseren Kunden viel um Liquidität geht, sind umso mehr Lösungen gefragt, die ohne größere Investitionen auskommen. Gepaart mit langjährigen Kundenbeziehungen hat uns das bislang relativ solide durch die Krise gehen lassen. Wir sind aktuell recht zufrieden mit dem Jahr.

Zu unserer internen Situation: Wir sind es als Beratungsunternehmen ja gewohnt, von überall zu arbeiten, haben das auch glücklicherweise vor Corona schon sehr variabel getan und sind mit der entsprechenden Technik ausgestattet. Auch das virtuelle Zusammenspiel mit den Kunden klappt gut.

Die Viessmann Group sitzt in Nordhessen, Etanomics hat sich in FrankfurtRheinMain – in Mörfelden-Walldorf – angesiedelt. Was war ausschlaggebend für die Standortwahl?

Wir sind bei unseren Kunden! Und das ist keine Floskel. Wir müssen Fabriken, Niederlassungen, also die entsprechenden Örtlichkeiten kennen, denn wir können Teile unserer Leistung nur direkt beim Kunden erbringen. Daher ist für uns eine gute Verkehrsinfrastruktur enorm wichtig – und die bietet das Drehkreuz FrankfurtRheinMain. Hier sind wir durch die vielen ICE-Bahnhöfe und Autobahnen, durch den Flughafen und die Lage in der Mitte Deutschlands schnell bei unseren Kunden. Zudem ist ein Standort wie das Rhein-Main-Gebiet attraktiv für unsere Mitarbeiter und auch das Recruiting ist durch die technischen Hochschulen in der Nähe für uns leichter als beispielsweise an einem Standort wie Allendorf. Dennoch: Auch für uns ist der Fachkräftemangel spürbar, wenn es um gute und erfahrene Ingenieure geht.

Was schätzen Sie darüber hinaus an FrankfurtRheinMain und wo gibt es aus Ihrer Sicht Nachholbedarf?

Hier sitzen viele spannende Unternehmen – das ist neben der guten Infrastruktur ein weitere großer Pluspunkt. Potenzial sehe ich noch im Thema Mobilität. Ja, der Pendlerverkehr ist durch die Pandemie-Situation aktuell deutlich zurückgegangen. Und natürlich ist der Leidensdruck insgesamt nicht wie in Sao Paulo oder Istanbul. Dennoch denke ich, dass die Entwicklung neuer Lösungen notwendig sein wird, wenn die Region weiter wächst, was anzunehmen ist. Dahinter steht auch die zwingende Notwendigkeit, Mobilität und Energie künftig gemeinsam zu denken. Die Energieinfrastruktur in den urbanen Regionen muss sich verändern. Es gilt, künftig mit anderen Lasten und Leistungen umzugehen und sich auf andere Bedarfssituationen zum Beispiel durch die E-Mobilität einzustellen. Zudem habe ich das Gefühl, dass sich Gründer und Startups eher in Berlin oder München ansiedeln. Die Region hat erste Schritte getan, aber meine subjektive Wahrnehmung ist, dass es hier noch deutlich Luft nach oben gibt.

Wo steht FrankfurtRheinMain als „Green Region" und in Sachen Energieeffizienz?

Pauschal lässt sich dies nicht beantworten. Der Fokus liegt in meinen Augen eher auf sinnhaften Einzelprojekten als auf einer klaren Strategie für die ganze Region. Was man aber sagen kann: Mit Blick auf Nachhaltigkeitszertifikate von Gebäuden ist Frankfurt Vorreiter und steht im nationalen Vergleich auf Platz eins. Nach einer Studie der BNP Paribas entfallen 52 Prozent des Gesamtumsatzes mit zertifizierten Gebäuden auf Frankfurt. Dies ist natürlich auf die Art des Wirtschaftsstandortes zurückzuführen. Beispielsweise haben internationale Banken und Konzerne in der Regel Standards für Mietflächen, Gebäude oder Entwicklungen, die dies erfordern.

Was ist Ihre persönliche Motivation, sich für die Metropolregion FrankfurtRheinMain zu engagieren? Und was erwarten Sie als neues Mitglied von einem regionalen Unternehmernetzwerk wie der Wirtschaftsinitiative?

Zu den wesentlichen Markenwerten der Viessmann Group gehören zwei, mit denen ich mich persönlich sehr gut identifizieren kann: unternehmerisches und verantwortliches Handeln. Das bedeutet, sich auch in Netzwerken zu engagieren, Dinge konkret anzupacken und voranzutreiben. Mein Eindruck ist, dass die Wirtschaftsinitiative dafür eine sehr passende Plattform bietet.

Ich setze auf spannende Veranstaltungen, die hoffentlich bald wieder stattfinden können, auf gute Gespräche, interessante Kontakte, neue Ideen. Viele der Mitgliedsunternehmen sind ja keine klassischen Industriebetriebe. Trotzdem müssen sich alle damit beschäftigen, wie sie mit steigenden CO2-Preisen, der verschärften Wahrnehmung rund um den Klimawandel und ihrer Zukunftssicherung umgehen wollen. Einsichten und Feedback der Unternehmen aus diesem Kreis sind für uns da sehr wertvoll. Und natürlich erhoffen wir uns insgesamt eine Erweiterung unseres Netzwerkes und vielleicht auch das eine oder andere Projekt vor der Haustür.

Prognosen sind derzeit schwieriger denn je. Wagen wir dennoch einmal den Blick in die Zukunft. Wo wird die Metropolregion FrankfurtRheinMain in – sagen wir – 20 Jahren stehen? Und wo Etanomics?

20 Jahre – das ist natürlich für ein junges Unternehmen wie die Etanomics ein langer Zeitraum. Wir freuen uns, wenn es uns gelingt, bis 2040 viele Unternehmen in die CO2-Neutralität zu führen und ein international führender Ansprechpartner für unsere Kernthemen zu sein. Wir sind ja dann auf halber Strecke zwischen den Zielen der Bundesregierung für 2030 und 2050, also zwischen einer Reduktion von 55 respektive 80 Prozent der Treibhausgas-Emissionen. Da sollten allerhand spannende Projekte für uns dabei sein. Aber auch die ganze Region wird sich massiv umstellen müssen – augenscheinlich im Sektor Mobilität sowie beim Bau und Betrieb von Gebäuden.

Ich bin gespannt, wie wir den Weg in eine Gesellschaft schaffen, die den Fokus auf die zukünftigen Generationen legt. Wir von der Etanomics und die ganze Viessmann Group wollen den Wandel aktiv mitgestalten. Diese gelebte Verantwortung zeigt sich auch im Purpose der Gruppe: „We create living spaces for generations to come."

Vielen Dank.

Mehr unter:
www.etanomics.com 

Fotos © Frank Feisel, Viessmann Werke GmbH & Co. KG / Etanomics Service GmbH

Zur Person:
Dr. Timm Rössel ist Geschäftsführer der Etanomics Service GmbH, einem Unternehmen der Viessmann Group. Er ist ein Experte im Themenfeld Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Mit der Etanomics unterstützt er Unternehmen bei der Senkung der Energiekosten und CO2- Emissionen. Während seiner wissenschaftlichen Arbeit konzentrierte er sich auf Nullenergiegebäude und die Reduzierung des Energiebedarfs von Industriestandorten in mehreren Klimazonen. Er veröffentlichte über 20 Artikel und ist ein erfahrener Redner auf internationalen Konferenzen und an Universitäten.

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