Wirtschaftsgespräche am Main 31.08.2026

Wirtschaftsgespräche am Main mit RWE-CEO Dr. Markus Krebber

„Wir werden das Zeitalter der Elektrifizierung erleben“

Wie erzeugen und speichern wir sie? Wie machen wir sie sicher und bezahlbar? Und wie gestalten wir die notwendigen Transformationsschritte? Das Thema „Energie“ wird in Zeiten globaler Verwerfungen zunehmend zum neuralgischen Punkt für Wettbewerb, Wohlstand und gesellschaftliche Weiterentwicklung. Kein Zufall, dass die Wirtschaftsgespräche am Main in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate einen hochkarätigen Experten aus dem Themenfeld begrüßen durften. Bei der 124. Ausgabe des Executive-Lunch-Formats hatte sich Dr. Markus Krebber, seit 2021 CEO des Essener Energieversorgungs­schwergewichts RWE, angesagt. Sein Petitum: Ideologisierung herunterschrauben, Realitäten annehmen, stabile Bedingungen für Investitionen schaffen, langfristig das Richtige tun – und nicht ständig davon träumen, dass der Strom bald billiger wird.

Ende April hatte Prof. Dr. Markus Roth bei den Wirtschaftsgesprächen am Main das Fenster zur Laserfusion geöffnet – sein Unternehmen Focused Energy arbeitet an dieser neuartigen und vielsprechenden Technologie zur Energiegewinnung, RWE ist hier einer der wichtigsten Kapitalgeber und bringt zudem den ehemaligen Kernkraftwerksstandort Biblis ein. „Damit ist die inhaltliche Brücke zur heutigen Veranstaltung geschlagen“, so Eintracht-Chef Axel Hellmann als Vertreter des Wirtschaftsinitiative-Vorstands in seinem Intro. Bevor er an den Protagonisten übergab, adressierte er das Publikum mit einem Appell zum Thema des Tages: „Wir müssen uns alle tief in die Augen schauen, denn um einen politisch unbequemen Weg werden wir nicht herumkommen. Es wird immer ein Land geben, in dem Energie günstiger produziert werden kann als in Deutschland. Um unseren Wohlstand zu erhalten oder bestenfalls auszubauen, ist eine Diskussion nötig, wie wir uns weiterentwickeln wollen. Das gilt gerade auch für die Region FrankfurtRheinMain.“

Was die Ölkrise der 1970er mit heute zu tun hat

Jemand, der unbequeme Wahrheiten und Klartext-Diskussionen nicht scheut, ist Dr. Markus Krebber. Bevor der  gelernte Banker sich den zahlreichen Fragen von F.A.Z.-Herausgeber Carsten Knop und den rund 100 Gästen stellte, setzte er einen kurzen Impuls und warf dabei zunächst den Blick zurück: In den letzten fünf Jahren habe Deutschland zwei Energiekrisen erlebt – zunächst durch den russischen Überfall auf die Ukraine, nun durch die Schließung der Straße von Hormus im Iran-Krieg. Es lohne sich hier ein Vergleich mit der Ölkrise in den 1970ern. Damals habe die Bundesrepublik in der Folge die Atomkraft vorangetrieben, um unabhängiger von Erdöl zu werden. Heute müsse Europa Energiesicherheit durch Elektrifizierung gewährleisten. „Wir werden das Zeitalter der Elektrifizierung erleben“, zeigte sich Dr. Krebber überzeugt. So hätten wirtschaftlich erfolgreiche Länder wie Südkorea, Japan und China nie billiges russisches Gas gehabt und seien bereits deutlich stärker elektrifiziert als Deutschland oder Europa. 

Zwischen Ideologie und Realität

„Wir wissen, dass wir mehr Strom brauchen. Doch wir kommen aus den überideologisierten politischen Debatten nicht heraus – egal ob in Deutschland, in den USA oder anderswo. Die Realität wird aber durch physikalische und ökonomische Gegebenheiten bestimmt“, betonte Dr. Krebber. Und das bedeute, dass der Anteil der Erneuerbaren Energien zunehme, Batterien und Gaskraftwerke zugebaut würden. In diesem Zusammenhang lobte er auch den Ausbau der LNG-Terminals nach dem Versiegen der Nordstream-Pipeline. Eine interessante Hintergrundinfo: „Die USA streben strategisch eine Energiedominanz an. In diesem Kontext macht es für die Amerikaner Sinn, dass wir in Texas Solaranlagen bauen. So können sie das Öl sparen, das die Europäer von ihnen kaufen sollen.“ RWE macht als größter deutscher Stromerzeuger heute übrigens 50 Prozent seines Geschäfts in den USA. Noch vor zehn Jahren sah die Welt ganz anders aus – deutsche Kernenergie und Kohle schlugen mit 80 Prozent zu Buche. 

Achillesferse Netzausbau

Mit Blick auf den Standort Deutschland sieht der RWE-Chef in der Forschungslandschaft und den verfügbaren industriellen Brownfield-Anlagen sowie alten Kraftwerksstandorten echte Wettbewerbsvorteile. „Greenfield geht hierzulande so gut wie nicht mehr.“ RWE habe in Europa 30 Sites mit existierenden Netzanschlüssen und suche für sie die beste Nachnutzung – vom Data Center bis hin zum Fusions-Hub wie in Biblis. „Der Netzausbau ist und bleibt die Achillesferse.“ Es gebe einen Disput, wie Netzqualität zu definieren sei. Aus seiner Sicht müsse in die Kennzahlen auch aufgenommen werden, wenn Unternehmen nicht angeschlossen werden könnten und warten müssten. Das würde den Druck auf die Verteilnetzbetreiber erhöhen.

Die Sache mit dem Strompreis

„Die wahrscheinlich bitterste Wahrheit“ wollte und konnte er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Hotel Steigenberger Icon Frankfurter Hof nicht ersparen: „Der Strom wird absehbar nicht billiger werden.“ Die Nachfrage durch Künstliche Intelligenz und die Elektrifizierung von Wärme und Mobilität treibe die Preise. Dazu kämen die geopolitischen Risiken und das aktuelle Zinsumfeld. Dennoch seien günstigere Strompreise für die Industrie natürlich unerlässlich. „Der vorliegende Industriestrompreis ist zu kurzfristig, nach zwei bis drei Jahren wird es wieder Unsicherheit geben.“ Die richtige Spanne für eine Verstetigung liege bei 10 bis 15 Jahren oder mehr.

An die Politik formulierte Dr. Krebber demnach klare Forderungen: „Es braucht stabile Bedingungen für Investitionen, langfristiges Denken, Stringenz, Verlässlichkeit. Und: Wir alle müssen nachhaltig an den Themen arbeiten, die nicht funktionieren.“

 

„Wirtschaftsgespräche am Main“ ist ein exklusives Veranstaltungs- und Kooperationsformat, das die Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain gemeinsam mit der F.A.Z. und dem Hotel Steigenberger Icon Frankfurter Hof ausrichtet. In der Regel finden zwei bis vier Ausgaben pro Jahr statt.

 

Fotos: Kirsten Bucher

 

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