Wirtschaftsgespräche am Main 18.02.2026

Wirtschaftsgespräche am Main mit Condor-CEO Peter Gerber

„Wir brauchen dringend eine Änderung des Mindsets“

Der Luftverkehr in Deutschland erholt sich – allerdings deutlich langsamer als im Rest Europas. Während viele Länder ihr Vor-Corona-Niveau schon längst erreicht haben oder sogar deutlich darüber liegen, fehlen in Deutschland noch immer zwölf Prozent zu der sechs Jahre alten Marke. Woran liegt das? Und was lässt sich dagegen tun – gerade seitens der Politik? Jemand, der hier nicht mit scharfen Analysen und klaren Positionen spart, war bei den 122. Wirtschaftsgesprächen am Main zu Gast. Condor-CEO Peter Gerber spannte vor über 90 Gästen den Bogen zwischen Standortkosten und der besonderen Transformationsreise der Fluggesellschaft mit den Streifen. Das Ziel: mehr Wettbewerbsfähigkeit für den Luftverkehrsstandort Deutschland – und Frankfurt.

Rosenmontag, 12.00 Uhr, Steigenberger Icon Frankfurter Hof. Der Saal ist voll – und das liegt natürlich an dem besonderen Gast. „Peter Gerber gehört zu den Gesichtern der Luftverkehrsbranche in Deutschland und Europa. Er war und ist bereit, für den Luftverkehr und unsere Region Flagge zu zeigen“, begrüßte Michael Müller, Vorstandsvorsitzender der Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain, den Speaker des Tages. Bevor Gerber vor zwei Jahren die anspruchsvolle Aufgabe als CEO des „Ferienfliegers“ Condor übernahm, hatte er über 30 Jahre lang verschiedenste Fach-, Führungs- und Vorstandspositionen im Lufthansa-Konzern inne. Condor sei wiederum ein Pionier des deutschen und internationalen Tourismus, so Müller, der als ehemaliger Fraport-Personalvorstand die Aviation-Branche bestens kennt. Zudem musste Condor durch die Insolvenz des Mutterkonzerns Thomas Cook und die Corona-Pandemie gleich zwei Krisen in kürzester Zeit stemmen. „Es ist also angerichtet für einen spannenden Business-Lunch.“

Warum der deutsche Luftverkehr zurückfällt

„Erholung mit Hindernissen“: So hatte Peter Gerber seinen Vortrag überbeschrieben und meinte das im doppelten Sinne – mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Luftverkehrs und die Transformation von Condor. „Während der Luftverkehr weltweit boomt, steckt er in Deutschland in der Krise. Und das hat mit Entscheidungen der Politik zu tun. Wenn die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen, geht es irgendwann nicht mehr weiter“, konstatierte der Condor-Chef. Deutschland habe es nicht annähernd geschafft, auf das vor-pandemische Niveau von 2019 zurückzukommen, befinde sich bei 88 Prozent, während der Luftverkehr fast überall wieder bei 100 Prozent oder weit darüber sei. „Deutschland wächst leicht, aber der Rückstand zu Europa nimmt weiter zu. Dabei waren Deutschland und insbesondere der Flughafen Frankfurt einst die Konnektivitäts-Lokomotive.“

Gerber bezeichnete den Luftverkehr als weltweit modernsten Verkehrsträger mit großen positiven Effekten. „Ohne Luftverkehr ist unsere moderne Welt nicht denkbar. Messe, Tourismus, Exportwirtschaft: Alle diese Wirtschaftszweige brauchen den Luftverkehr. Er schafft Verbindungen und ist damit sogar friedensstiftend.“ Doch zunehmend profitierten andere – die großen Hubs am Golf wie Dubai, Doha und Abu Dhabi oder im türkischen Istanbul. Insbesondere bei Reisen nach Asien verlagerten sich Passagierströme zu Drehkreuzen außerhalb der EU. „Früher sind 75 Prozent der Passagiere in Europa umgestiegen, wenn sie von Kontinent zu Kontinent reisten.“ Der Grund ist für Gerber klar: die ungebremste Kostenentwicklung im deutschen Luftverkehr. Oder anders: „Willentlich verursachte staatliche Kosten.“ Diese Standortkosten, zu denen sämtliche Steuern, Gebühren und Abgaben zählen, machen laut Gerber inzwischen 30 Prozent der Gesamtkosten aus. Dazu kämen 40 Prozent interne Kosten und 30 Prozent Kerosinkosten. „Die staatlichen Standortkosten haben sich innerhalb von fünf Jahren verdoppelt.“

Appell an die Politik

Die Konsequenz: Deutschland verliere Konnektivität in jedem Zielgebiet, seit 2019 sei die Zahl der in Deutschland stationierten Flugzeuge um rund ein Drittel zurückgegangen, beklagte Gerber. „Doch keines der Flugzeuge ist weg, sie fliegen nur nicht mehr in Deutschland. Es wird an der Wirtschaftsleistung in Deutschland gespart, nicht an CO2-Emissionen.“ Sein Appell: „Wir müssen Umweltlösungen global denken. Wir brauchen hier dringend eine Änderung des Mindsets.“ Bewegung kommt in die Abgabensituation nun durch die neue Bundesregierung, die zum 1. Juli 2026 eine Senkung der Luftverkehrssteuer initiiert hat. „Wird hier nicht nur eine Erhöhung zurückgenommen, die die alte Regierung beschlossen hatte?“, fragte Carsten Knop, F.A.Z.-Herausgeber und Moderator der Veranstaltung. „Ich bin zuversichtlich, dass sich in dieser Legislatur darüber hinaus noch etwas tun wird“, so Gerbers Einschätzung.

Mit „Bleisure“ und neuen Flugzeugen in die Zukunft

Bevor es in die Q&A-Runde mit den Wirtschaftsinitiative-Mitgliedern und Gästen ging, gab Gerber noch einen schnellen Überblick über die Eckdaten seines Unternehmens. Mit 52 Flugzeugen transportierte Condor zuletzt rund 10 Millionen Passagiere jährlich. Hauptstandort ist Frankfurt, der zweitgrößte Düsseldorf. In diesem Jahr wird Condor 70 Jahre alt. Und das, nachdem das Unternehmen mit der Insolvenz von Thomas Cook und der Corona-Krise zwei „Nahtoderfahrungen“ zu bewältigen hatte, wie Gerber sich ausdrückte. „Doch wir haben beides überlebt, treiben unsere Transformation konsequent voran und schauen mit Fokus und Entschlossenheit in die Zukunft – selbst in einem schwierigen Umfeld“. Mitten in der Pandemie hatte der neue Investor Flugzeuge bestellt und so dafür gesorgt, dass Condor heute eine komplett erneuerte Langstreckenflotte hat – „zumal die grünste Europas mit der derzeit besten Business-Class“. Auch bei der Kurz- und Mittelstreckenflotte stehen neue Flugzeuge in den Startlöchern. Die Städteverbindungen bekommen im Jubiläumsjahr weiteren Zuwachs, auch durch eine konsequente Vernetzung mit Partnern. Bei der Positionierung bleibt es bei einer 50:50-Verteilung zwischen Leisure- / Tourismus-Flügen und Business-Flügen – „Bleisure“ genannt.

Blick nach Osten

Wo er mögliche Wachstumschancen sehe, wollte das engagierte Publikum zu Schluss wissen. „Luftverkehr ist eine Branche, die vollkommen unbeeindruckt in doppelt so hohen Raten wie das weltweite BIP wächst. Manche Weltgegenden, gerade in Asien, sind noch längst nicht adäquat angebunden. Europa muss auch nach Osten schauen. China kann das Wachstum nicht allein mit chinesischen Carriern bewältigen. Hier gibt es Chancen. Aber um dort erfolgreich zu sein, braucht es einen langen Atem.“

 

„Wirtschaftsgespräche am Main“ ist ein exklusives Veranstaltungs- und Kooperationsformat, das die Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain gemeinsam mit der F.A.Z. und dem Hotel Steigenberger Icon Frankfurter Hof ausrichtet. In der Regel finden zwei bis vier Ausgaben pro Jahr statt.

 

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Fotos: Kirsten Bucher

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