Zwischen Wissenskanal, Vertrauensverstärker und Verkaufsunterstützung
Menschen folgen Menschen. Deshalb werden Marken auf den sozialen Plattformen immer mehr über Personen wahrgenommen – Mitarbeitende, Führungskräfte oder auch externe Partner. Doch wie gelingt Unternehmen ein authentischer Auftritt mithilfe von Corporate Influencing? Wie bauen sie in digitalen Räumen Relevanz, Sichtbarkeit und Vertrauen auf? Diese und viele weitere Fragen stellte Daniel Schleidt, F.A.Z.-Koordinator Wirtschaft Rhein-Main, bei den 9. FRANKFURT FUTURE TALKS in der Location NEUE KAISER. Das passende Experten-Podium dazu: Niklas Hartmann, Geschäftsführer der Social-Media- und Influencer-Agentur ReachOn. Und Jürgen Schmitt alias „Der Bankbart“ – Corporate Content Creator bei der Deutschen Bank, der mit Hoodie und Herz Finanzwissen vermittelt und dabei die „Sendung mit der Maus“ im Hinterkopf hat.
Sorgten an den Vortagen noch Nahverkehrsstreik und Schnee für Chaos im öffentlichen Leben, hatte sich pünktlich zur 9. Ausgabe der FRANKFURT FUTURE TALKS die Lage beruhigt. Rund 70 Interessierte strömten in die Event- und Kulturfläche NEUE KAISER – für den passionierten Gastronom und Betreiber Simon Horn „der Fleck, an dem Frankfurt wirklich Mainhatten ist“.
Stärkere Personalisierung im Marketing
Jürgen Schmitt sieht auf den ersten Blick so gar nicht aus, wie man sich einen Banker vorstellt. Mit seinem langen Bart und dem rosafarbenen Hoodie ist er ein echter „Typ“, der auffällt. Beste Voraussetzungen für eine Karriere als Corporate Influencer – oder Corporate Content Creator, was ihm als Bezeichnung besser gefällt. Als seine Stelle im Börsenhandel nach über 20 Jahren wegfiel, erklärte er sich bereit, komplett neue Wege zu gehen – und wurde der erste seiner Art in den Reihen der Deutschen Bank.
„Am Anfang habe ich mich wie ein Startup gefühlt“, so Schmitt. Drei Jahre konnte er seine Präsenz in Ruhe aufbauen, ohne Druck durch Kennzahlen. Inzwischen hat er auf LinkedIn mehr als 34.000 Follower. Seinen persönlichen Account betreibt er frei, muss sich nur an ein paar Social-Media-Guidelines halten. Zusammen mit dem Corporate Account ExpeditionFinance der Deutschen Bank erreicht er pro Jahr 1,3 Millionen Menschen. Darüber hinaus präsentiert er sich in Podcasts, Zeitungsartikeln oder als Speaker auf Events. Seine Mission: Wissen vertreiben, keine Produkte. „Ich möchte die Finanzbildung nach vorne bringen und die Leute zum Denken anregen. Das Unternehmen stößt hier ein Thema an, das hat erstmal gar nichts mit Verkaufen zu tun, die Deutsche Bank kommt bei mir eher selten vor.“ Dabei setzt er stilistisch auf Offenheit, Ehrlichkeit und Edutainment, auch gerne mal gepaart mit Humor. „Aber man darf es nicht übertreiben, man muss auf jeden Fall eine gewisse Tiefe mitbringen.“ Seine Geheimwaffe: Erklärvideos. „Das ist wie die Sendung mit der Maus für Erwachsene“, findet er.
Mix aus internen und externen Influencern
Niklas Hartmann führt eine Agentur, die Unternehmen bei Influencer-Marketing-Kampagnen berät und unterstützt. Da geht es sowohl um den Aufbau interner Corporate-Influencer-Profile als auch um Kooperationen mit den „richtigen“ externen Influencern, die Produkte – gegen monetäre Gegenleistung – empfehlen. So rät Hartmann hier zu einem entsprechenden Mix, um eine breite Streuung zu erreichen. „Sonst ist man am Ende von ein, zwei Mitarbeitenden abhängig, die das Unternehmen vielleicht irgendwann verlassen.“ Auch C-Level-Führungskräfte können laut Hartmann gute Corporate Influencer sein – je nach Zielsetzung. Doch auch hier gelte es, mögliche Personalwechsel im Hinterkopf zu behalten. Wichtig war ihm zu betonen, dass „Verkaufen kein Dirty-Thema ist“. Das Verkaufen an sich könne ja ein Bedürfnis befriedigen oder ein Problem lösen und damit Menschen oder Unternehmen weiterbringen. Die positive Wirkung hänge davon ab, wie ein Produkt durch einen Influencer eingebunden sei, ob die Person dahinterstehe und als Vertrauensverstärker wahrgenommen werde.
Könnte der Corporate Influencer der Zukunft ein Avatar sein? Wie sichert man Risiken ab? Wie geht man mit schwierigen Kommentaren um? Ist jeder Mitarbeitende, der auf LinkedIn postet, eigentlich ein Corporate Influencer? Das und vieles mehr wollten die Gäste in der offenen Q&A-Runde von den beiden Experten wissen. Daniel Schleidt beendete den Talk mit der Frage nach dem größten No-Go im Corporate Influencing. „Man sollte auf keinen Fall das Community-Management vergessen. Am wichtigsten ist, das Feedback zu checken und daraus Schlüsse zu ziehen“, lautete der Rat von Niklas Hartmann. Das Schlusswort von Jürgen Schmitt: „Vertrauen ist die Währung 2026. Es braucht eine kontinuierliche Linie und ein klares Thema. Ohne das geht es im Corporate Influencing nicht.“
Gemeinsam mit den Partnern und Mitgliedern F.A.Z. und Momentum richtet die Wirtschaftsinitiative das Business-Event-Format FRANKFURT FUTURE TALKS an bis zu vier Abenden pro Jahr aus. Dabei steht die Verbindung der Themenbereiche People, Transformation und Innovation im Fokus. In entspannter After-Work-Atmosphäre kommen Fach- und Führungskräfte der Region zum Zukunftsdialog zusammen. Die nächste Ausgabe folgt im Frühsommer und wird „Agentic AI“ zum Thema haben.