Events 11.06.2026

10. FRANKFURT FUTURE TALKS: Die KI als Kollege?

Agentic AI im Realitätscheck

Luther, Goethe und Napoleon waren da – und jetzt auch die FRANKFURT FUTURE TALKS. Früher Sitz des altehrwürdigen Bankhauses Bethmann, hat sich der geschichtsträchtige Ort unter dem Namen Massif Central zu einer der kreativsten Locations der Stadt entwickelt. Beste Voraussetzungen für einen offenen Zukunftsdialog mit rund 100 Gästen, einem starken Panel und einem brandaktuellen Thema. Bei der 10. Ausgabe der Partnerveranstaltung von Wirtschaftsinitiative, F.A.Z. und Momentum diskutierten Dr. Sara Jourdan (Genow.ai), Romano Roth (Zühlke) und Prof. Dr. Peter Buxmann (TU Darmstadt) über Agentic AI. Wo beginnt der Hype, was ist die Realität und wie entsteht Wert?

Die Agentic AI-Welle rollt mit Macht – kaum ein Unternehmen kommt drumherum, sich damit zu beschäftigen. Wo stehen wir hier eigentlich? Das wollte Daniel Schleidt, F.A.Z.-Koordinator Wirtschaft in Rhein-Main und Moderator des Abends, wissen. Um das Publikum abzuholen, startete Prof. Dr. Peter Buxmann, der an der TU Darmstadt Wirtschaftsinformatik lehrt und sich der praxisnahen Forschungsvermittlung verschrieben hat, mit einer Definition: „Ein KI-Agent ist ein Stück Software mit Schnittstellen zu externen Systemen und Prompts von Large Language Models (LLMs). Die Prompts sind das Gehirn der Agenten.“ Der Riesen-Denkfehler aus seiner Sicht: „Viele Unternehmen werfen klassische Künstliche Intelligenz, die die Basis bildet, mit agentischer KI in einen Topf.“

Achtung Kosten

Derweil sind die Erwartungen an die autonomen KI-Helfer hoch. Zu hoch? Deutliche Anzeichen für einen Hype sieht Romano Roth, Group Chief AI Officer des Innovationsdienstleisters und Wirtschaftsinitiative-Mitglieds Zühlke. 40 Prozent der agentischen Entwicklungsprojekte stünden derzeit vor dem Aus, sagte er in der Diskussionsrunde. „Es wird massiv investiert. Doch 90 Prozent der Investments gehen in Tools und Lizenzen, nur zehn Prozent in die Menschen. Vorsprung entsteht nicht durch immer mehr Agenten, sondern durch die richtige Architektur und gezielte Steuerung von Intelligenz. Man muss die Prozesse und die Organisation neu denken.“ Zudem sei es angesichts der schwer einzuschätzenden Preispolitik der Modellanbieter essentiell, die Kosten im Blick zu behalten. Gerade vor ein paar Tagen habe etwa Copilot die Token-Kosten angezogen. „Es wird Business-Cases geben, die sich in Zukunft nicht mehr rechnen“, ist er sich sicher.

Wissensagenten im Einsatz

Einen besonders spannenden agentischen Anwendungsfall brachte Dr. Sarah Jourdan in die Runde im Massif Central mit. Die CEO und Co-Founderin von Genow.ai fokussiert mit ihrem Startup das Wissensmanagement in Unternehmen. Mit 22 Mitarbeitenden konfiguriert das Spin-off der TU Darmstadt für Kunden Wissensagenten, erhielt dafür im letzten Jahr 1,65 Millionen Euro an Seed-Finanzierung. „Heterogene Datenlandschaften mit verschiedensten Systemen gehören für Unternehmen zu den größten Herausforderungen, gerade da derzeit eine große Generation von Wissensträgern den Arbeitsmarkt in Richtung Ruhestand verlässt.“

Jobs in Gefahr?

Intensiv diskutierte das Panel daran anknüpfend auch die Frage, wie sich die Berufswelt durch agentische KI verändern wird. „Können die Ergebnisse einer Tätigkeit digitalisiert werden? Je mehr das Fall ist, desto mehr machen sich Menschen Sorgen um ihren Job – gerade, wenn sie sich mit der Nutzung von KI bereits gut auskennen“, hat Prof. Dr. Peter Buxmann in einer Studie herausgefunden. „Während Corona wurde viel eingestellt, jetzt sehen wir eine Korrektur. Die Effizienzsteigerung durch KI muss da teilweise als Begründung herhalten, obwohl es noch keinen Personalabbau im größeren Stil wegen KI gegeben hat“, sagte Romano Roth. Natürlich werde es über kurz oder lang auch zu entsprechenden Entlassungen kommen. „Aber die KI wird den Menschen unterstützen, nicht ersetzen.“ Buxmann zitierte dagegen eine Studie der Universität Stanford, nach der die Stellenausschreibungen für Berufseinsteiger drastisch zurückgegangen seien. „Früher sind durch Technologiesprünge Jobs weggefallen und neue entstanden. Wird das diesmal auch so sein? Da bin ich mir nicht so sicher“, merkte er an. Dr. Sarah Jourdan plädierte dafür, mehr auf die Chancen zu schauen: „Das Problem in Europa ist die Angst.“

Unlearning und Relarning

Dass der Standort Deutschland und Europa mit Blick auf die großen LLMs anbieterseitig abgehängt ist, sei bekannt, so Buxmann. Jetzt gehe es darum, Generative KI produktiv in unseren Unternehmen einzusetzen. „Da gibt es viel zu tun, Produktivitätsvorteile von 30 bis 40 Prozent sind möglich.“ Romano Roths Hypothese zur Produktivitätssteigerung: „Wir sind derzeit noch in funktionalen Organisationen, in Silos unterwegs. In Zukunft werden wir wertstromorientierte Organisationen sehen, die von Agenten unterstützt werden. Die KI arbeitet, der Mensch entscheidet. Die Modelle sind die Infrastruktur. Wie wir sie einsetzen – da liegt die ‚Magic‘.“ Die zentralen Fragen für Dr. Sarah Jourdan an dieser Stelle: „Wo brauche ich die menschliche Entscheidung noch? Wer möchte die Verantwortung überhaupt übernehmen? Welches Komplexitätslevel kann ich als Mensch noch abbilden?“ Das A und O sei es, die Mitarbeitenden mitzunehmen, ihnen Raum und Zeit zum Ausprobieren zu geben, so Romano Roth zum Schluss. „Wir müssen ein Unlearning und Relearning durchführen. Das ist ein echter kultureller Wandel.“

Fazit nach einer lebhaften Diskussion und zahlreichen Fragen aus dem Publikum: Die Agenten sind gekommen, um zu bleiben. Sie werden uns weiter begleiten. Sehr wahrscheinlich wird in absehbarer Zeit sogar jeder und jede einen persönlichen Agenten haben.

Gemeinsam mit den Partnern und Mitgliedern F.A.Z. und Momentum richtet die Wirtschaftsinitiative das Business-Event-Format FRANKFURT FUTURE TALKS an bis zu vier Abenden pro Jahr aus. Dabei steht die Verbindung der Themenbereiche People, Transformation und Innovation im Fokus. In entspannter After-Work-Atmosphäre kommen Fach- und Führungskräfte der Region zum Zukunftsdialog zusammen. Die nächste Ausgabe folgt im September.

Fotos: Kirsten Bucher

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