Neumitglied GIZ: Welcome-Interview mit Thorsten Schäfer-Gümbel
„FrankfurtRheinMain ist strategisch und operativ ein exzellenter Standort für die GIZ“
Sie ist in 120 Partnerländern aktiv und trägt weltweit dazu bei, dass Menschen und Gesellschaften eigene Perspektiven entwickeln und ihre Lebensbedingungen nachhaltig verbessern können: die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Seit diesem Jahr gehört das Bundesunternehmen mit Sitz in Eschborn auch zur Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain. Was hinter „made with Germany“ steckt, wie die Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft konkret funktioniert, welchen Nutzen Deutschland aus dem internationalen Engagement zieht und warum die Verankerung in unserer Region so stark ist, erläutert GIZ-Vorstandssprecher Thorsten Schäfer-Gümbel im Interview. Welcome!
Herr Schäfer-Gümbel, was sollte man über die GIZ wissen?
„Made with Germany“ ist nicht nur ein Motto, es ist eine Haltung. Wirkliche Entwicklung entsteht nicht für andere, sondern mit ihnen. Die GIZ verbindet in diesem Sinne wirtschaftliches Handeln mit gesellschaftlicher Verantwortung. Wir agieren marktorientiert und zugleich mit einem klaren öffentlichen Auftrag: nachhaltige Entwicklung weltweit zu fördern – auch im Interesse Deutschlands.
Seit über 50 Jahren arbeiten wir zu Themen, die auch für die Wirtschaft hochrelevant sind: von Fachkräftequalifizierung bis Ressourcensicherheit. Wir verbinden internationale Zusammenarbeit mit unternehmerischem Denken und öffnen Türen zu neuen Märkten. Mit unseren starken Netzwerken vor Ort in 120 Partnerländern schaffen wir gemeinsam mit der Privatwirtschaft Verbindungen, Orientierung und Wirkung. Im engen Schulterschluss mit den Partnerländern und der deutschen und europäischen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft lassen wir so Lösungen entstehen, die sowohl ökonomisch als auch sozial und ökologisch zukunftsweisend sind.
Die GIZ vergibt pro Jahr per Ausschreibung über 15.000 Aufträge an Partner aus der Wirtschaft – von Sachgütern wie Wasserpumpen bis hin zu komplexen Beratungsdienstleistungen. Als Bundesunternehmen wendet sie dabei geltendes Vergaberecht an und vergibt die Aufträge transparent, wettbewerblich, nachhaltig und wirtschaftlich.
Welche Rolle will die GIZ als Bundesunternehmen für internationale Zusammenarbeit für private Unternehmen einnehmen und welchen Nutzen stiftet sie dabei?
Die GIZ arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich mit der Privatwirtschaft. Zusammenarbeit ist heute wichtiger denn je. „Made with Germany“ bedeutet, gemeinsam verlässliche Rahmenbedingungen für wirtschaftliche Entwicklung auf Basis demokratischer Werte zu schaffen.
Der wirtschaftliche Nutzen internationaler Kooperation für Deutschland ist belegt: Jeder investierte Euro in die Zusammenarbeit mit Partnerländern bringt Deutschland im Schnitt 36 Cent an zusätzlichen Importeinnahmen – das entspricht rund 7,6 Milliarden Euro pro Jahr (2013–2023). Ein Beispiel für diesen gegenseitigen Nutzen ist die India-Germany Platform for Investments in Renewable Energy Worldwide. Über diese Plattform erhalten deutsche und internationale Unternehmen Zugang zum dynamischen indischen Energiemarkt und können gemeinsam mit lokalen Firmen die Produktion von Solarmodulen und Komponenten für Windturbinen vorantreiben.
Auch in der Ukraine ist die GIZ bereits heute aktiv am Wiederaufbau beteiligt. Neben der Energieversorgung ist eine funktionsfähige Wirtschaft zentral für die Stabilität eines Landes im Krieg. Unser Ziel ist es daher, die ukrainische Wirtschaft am Laufen zu halten: durch die Mobilisierung privater Auslandsinvestitionen, die Nutzung innovativer Technologien für den Wiederaufbau und die Einbindung deutscher und internationaler Unternehmen. Allein 2024 startete die GIZ über das Förderprogramm develoPPP 13 vielversprechende Projekte in der Ukraine. Die rund 2,5 Millionen Euro öffentlichen Mittel wurden dabei durch fast 3 Millionen Euro privater Investitionen mehr als verdoppelt.
Seit seiner Einführung hat das weltweit einsetzbare GIZ Förderprogramm develoPPP im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) über 2.800 erfolgreiche Entwicklungspartnerschaften mit der Privatwirtschaft realisiert. Es bietet passgenaue Fördermöglichkeiten für kleine, mittlere und große Unternehmen (develoPPP Classic) sowie für junge Firmen mit innovativen Geschäftsmodellen (develoPPP Ventures).
Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Instrumente der Zusammenarbeit: Über unseren Bereich GIZ International Service kann die Privatwirtschaft uns beispielsweise auch direkt mandatieren und mit der Umsetzung maßgeschneiderter Beratungs- und Umsetzungsleistungen im In- und Ausland beauftragen. Dank unserer Präsenz in über 120 Ländern verfügen wir über ein tiefes Verständnis lokaler Kontexte, Märkte und Rahmenbedingungen. Dieses Wissen bringen wir gezielt in unsere Kooperationen ein, um Projekte praxisnah und wirkungsvoll umzusetzen.
Was machen wir ganz konkret? Wir arbeiten zum Beispiel mit den Regierungen in unseren Partnerländern daran, die Voraussetzungen zu schaffen, damit auch deutsche Unternehmen dort investieren können und die Rahmenbedingungen stimmen. Wir unterstützen im Auftrag der Bundesregierung auch unmittelbar Unternehmen bei einzelnen Investitionsprojekten in oft schwierigen Märkten – etwa durch Beratung oder finanzielle Beteiligung.
Das Ziel unserer Arbeit besteht darin, Strukturen für eine selbsttragende Entwicklung, für eine nachhaltige Wirtschaft und Investitionen zu schaffen.
Grundsätzlich gilt: Eine florierende Wirtschaft braucht ein friedliches Umfeld – und Frieden braucht Entwicklung. Die GIZ trägt mit ihrer Arbeit nachweislich zur Verbesserung der Lebensbedingungen bei und stärkt damit auch die internationale wirtschaftliche Stabilität.
Was verbindet die GIZ mit der Metropolregion FrankfurtRheinMain?
Wir profitieren ungemein von der Region, das gilt erstens für die exzellenten und leistungsstarken Partner aus der Region für unsere Arbeit. Wir vergeben einen wesentlichen Teil unserer Aufträge an die Privatwirtschaft. Zweitens profitieren wir auch in der Rekrutierung von Personal von der liberalen und internationalen Ausrichtung der Region und drittens ist der Flughafen mit seinen vielen Verbindungen ein wichtiger Baustein für den Erfolg unserer Arbeit. All diese Faktoren machen FrankfurtRheinMain sowohl strategisch als auch operativ zu einem exzellenten Standort für die GIZ.
Die GIZ ist seit ihrer Gründung Mitte der 1970er Jahre fest in der Metropolregion FrankfurtRheinMain verankert. Wir sind auch Gründungsmitglied des Unternehmerverbandes Frankfurt/Rhein-Main.
Eschborn ist gemeinsam mit Bonn Hauptsitz der GIZ. Von hier aus werden Aufträge mit hessischen, nationalen und internationalen Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft rund um den Globus bearbeitet und gesteuert – im Jahr 2024 etwa mit einem Vergabevolumen von 1,9 Milliarden Euro.
In den kommenden Wochen bezieht die GIZ vor den Toren Frankfurts ihr neues Bürogebäude, ein sichtbares Bekenntnis zu modernem, inklusivem Arbeiten und nachhaltiger Standortentwicklung. Regionale Verbundenheit versteht die GIZ dabei nicht nur geografisch, sondern als Teil der globalen Verantwortung Deutschlands.
Die GIZ unterstützt die internationale Zusammenarbeit der deutschen Bundesländer mit Partnerländern. Die deutsche Wirtschaft, Wissenschaft und ihr Know-how spielen bei diesen Projekten immer eine große Rolle. In diesem Rahmen unterstützt die GIZ unter anderem die internationale Zusammenarbeit des Bundeslandes Hessen. Dazu zählen das Projekt des Hessischen Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt zum Recycling von Plastikmüll oder die Kooperation des Hessischen Wirtschaftsministeriums zum Management von elektronischem Abfall (sogenannter „E-Waste“) mit den Philippinen. Ein wichtiger Partner in diesen Projekten ist etwa die Universität Kassel. Ein weiteres Beispiel ist die Kooperation des Hessischen Wirtschaftsministeriums mit nationalen Fortbildungseinrichtungen Kenias zur Verbesserung der grünen Kompetenzen im Aus- und Fortbildungsbereich.
Die Region beheimatet viele global agierende Unternehmen und „Hidden Champions“, die als Partner für entwicklungspolitische Projekte infrage kommen. Themen wie Digitalisierung, Energie, Klima, Mobilität und Nachhaltigkeit sind hier stark vertreten und passen hervorragend zu den Schwerpunkten der GIZ. Die Nähe zu erstklassigen Hochschulen und Forschungsinstituten fördert den Austausch innovativer Ansätze und schafft optimale Bedingungen, um entwicklungspolitische Vorhaben zukunftsweisend umzusetzen.
Die GIZ arbeitet direkt mit deutschen Firmen zusammen, um Fachkräfte in und für den Globalen Süden für die deutschen Firmen, aber auch die lokalen Märkte und Partnerländer zu gewinnen. Ein Beispiel für diese Kooperation mit der Privatwirtschaft ist das seit 2008 durchgeführte und von der deutschen Industrie finanzierte Programm „Afrika Kommt“. Dieses Programm vermittelt unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Fachkräfte aus Afrika nach Deutschland, die ein Jahr in deutschen Firmen arbeiten und anschließend entweder in ihre Herkunftsländer zurückgehen und eigene Initiativen starten, für deutsche Firmen im Ausland arbeiten oder in Deutschland als Fachkräfte bleiben. Firmen im Rhein-Main-Gebiet wie BioNTec, Merck oder Boehringer nehmen sehr aktiv an diesem Programm teil und profitieren davon. Damit stärkt die GIZ auch ganz direkt die Rhein-Main-Region.
Warum Wirtschaftsinitiative? Was erwarten Sie als neues Mitglied von unserem regionalen Business-Netzwerk?
Meine Motivation, mich aktiv einzubringen, liegt darin, globale Perspektiven mit regionaler Stärke zu verbinden. Die GIZ verfügt über jahrzehntelange Erfahrung in der internationalen Zusammenarbeit – dieses Wissen und diese Erfahrung möchte ich einbringen, um gemeinsam Lösungen für Zukunftsthemen wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Digitalisierung und Fachkräftesicherung zu entwickeln. Ich bin überzeugt: Zukunft entsteht dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zusammenkommen – genau das bietet die Wirtschaftsinitiative.
Als Bundesunternehmen der internationalen Zusammenarbeit mit Sitz in Eschborn ist die GIZ fest in der Metropolregion FrankfurtRheinMain verwurzelt. Von unserer Mitgliedschaft in der Wirtschaftsinitiative erwarte ich mir einen aktiven Austausch mit regionalen Schlüsselakteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sowie gemeinsame Impulse zur Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft.
Zur Person:
Thorsten Schäfer-Gümbel ist Vorstandssprecher und Arbeitsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH. Von 2003 an war er Mitglied des Hessischen Landtags, seit 2009 Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion und des SPD-Landesverbandes Hessen. Schäfer-Gümbel wurde 2013 zu einem der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD gewählt und führte von Anfang Juni 2019 bis Ende September 2019 die SPD als einer von drei kommissarischen Bundesvorsitzenden. Seit Oktober 2019 gehört er dem Vorstand der GIZ als Arbeitsdirektor an, im November 2022 übernahm er darüber hinaus die Position des Vorstandssprechers.
Fotos © Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH / Mohammed Bakir, Julie Platner, Nguyen Dinh Tuan Thanh