Dr. Christoph Franz: „Innovationskraft ist das Wichtigste“

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  • 16.04.2018

Die Mitglieder der Wirtschaftsinitiative in der Diskussion mit dem Verwaltungsratspräsidenten des Pharmakonzerns Roche

Die Pharmabranche ist eine Welt für sich. Es geht um neue Wirkstoffe und auslaufende Patente, strenge Zulassungsbestimmungen und sehr unterschiedliche Märkte, den besten Patientennutzen und am Ende des Tages um nicht weniger als Leben und Tod. Dr. Christoph Franz, Verwaltungsratspräsident des Schweizer Pharmariesen Roche, schaffte es mühelos, die Teilnehmer der diesjährigen Mitgliederversammlung der Wirtschaftsinitiative durch all diese Facetten und komplexen Zusammenhänge zu führen. Im Fokus seiner Keynote und der anschließenden Fragerunde: Was brauchen Pharmaunternehmen? Und wo steht der Standort FrankfurtRheinMain im internationalen Wettbewerb?

Auch ehemalige Lufthansa-CEOs und Deutsche Bahn-Vorstände kämpfen hin und wieder mit Mobilitätsproblemen: So gelang es dem 2014 in die Pharmabranche gewechselten Roche-Manager dank des Streiks im öffentlichen Dienst nur mit einigen Mühen, seine Geburtsstadt und langjährige Wirkungsstätte Frankfurt zu erreichen. Prof. Dr. Mathias Müller, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Wirtschaftsinitiative und Präsident der IHK Frankfurt, begrüßte den Gast aus Basel herzlich in der alten Heimat und zeigte sich besonders gespannt auf den externen Blick des vormaligen regionalen Insiders.

Den „Tiger" des Wettbewerbs im Nacken

„Der weltweite Arzneimittelumsatz der Pharmabranche beträgt derzeit jährlich 1,3 Billionen US-Dollar, das Wachstum der Pharmabranche liegt bei fünf bis sechs Prozent", warf Dr. Franz gleich zu Beginn in den Raum. Gründe dafür seien die alternde Bevölkerung und die damit einhergehende stärkere Verbreitung von chronischen Erkrankungen, aber auch der Nachholbedarf, den viele Länder immer noch mit Blick auf innovative Pharmazeutika hätten – so zum Beispiel China. Geht es um Märkte und Preise, blickt die Pharmabranche immer zuerst auf die andere Seite des Atlantiks. „Die USA sind der größte Pharmamarkt, Roche erwirtschaftet 50 Prozent seines Umsatzes und Ertrags in den Vereinigten Staaten. Wir entwickeln für den US-Markt und bringen die Medikamente dann im Nachgang auch in andere Märkte", erläuterte Dr. Franz das Vorgehen. „Apotheke der Welt" – das sei für Deutschland passé, das Land liege heute weltweit auf Rang vier, zähle damit aber nach wie vor zum kleinen Kreis der Länder, in denen überhaupt Pharmawertschöpfung stattfinde.

FrankfurtRheinMain sieht Dr. Franz im europäischen Vergleich und weltweit gut aufgestellt. Die Region gehöre neben dem vorherrschenden Silicon Valley sowie Boston, New York, München, Basel mit Zürich und London mit Oxford und Cambridge in die Reihe der Top-Standorte. Nicht zufällig zählt er im Fall des hiesigen Pharma-Clusters auch Rhein-Neckar dazu, unterhält Roche doch seinen größten deutschen Standort mit über 8.000 Mitarbeitern in Mannheim. „Viele wichtige Player sind da, es gibt exzellente Talente und Universitäten, eine hervorragende Verkehrsanbindung, gute rechtliche Schutzmechanismen. Aber die Politik hat noch viele Chancen, viel kaputt zu machen. Und: Es lohnt sich, jeden Morgen einen Blick über die Schulter zu werfen und zu schauen, ob der ‚Tiger' des Wettbewerbs schon nähergekommen ist", so sein Appell.

Nobelpreis-verdächtig

Innovationskraft sei ohnehin das Wichtigste – „und die ist in der Pharmabranche nach wie vor groß." Roche investiert jährlich rund 500.000 Euro pro Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung. Der Schweizer Konzern ist auf patentgeschützte, verschreibungspflichtige Medikament spezialisiert und Weltmarktführer im Bereich Onkologie. Wenn größere „Blockbuster"-Medikamente nach 20 Jahren aus dem Patentschutz laufen, sollten Nachfolgeprodukte schon in den Startlöchern stehen. Das gelinge bei den meisten Pharmaunternehmen nicht immer nahtlos. Dr. Franz: „Man darf nicht vergessen, dass hier auf Nobelpreis-Niveau gearbeitet wird. Weltweit gibt es pro Jahr nur 30 neue Wirkstoffe. Die Entwicklung dauert in der Regel zehn Jahre und von zehn klinisch erprobten Wirkstoffen kommt im Schnitt einer durch." Roche habe in den vergangenen zwei Jahren sechs neue Wirkstoffe hervorgebracht – ein Rekord im eigenen Haus.

Branche im Umbruch

Die Zukunft liegt, wie Dr. Franz ausführte, auch im Pharmabereich in der Digitalisierung. Big Data, das heißt große Mengen von Patientendaten, und die Genomsequenzierung werden es künftig möglich machen, Medikamente zu personalisieren. Gerade in der modernen Krebsforschung spielt dieser Ansatz eine große Rolle. Roche hat sich durch die Übernahme eines IT-Unternehmens jüngst auf diesem Feld verstärkt. Was die Datenverfügbarkeit betrifft, spielt die Musik jedoch mehr als eindeutig in den USA, wo bereits 80 Prozent der Patientendaten elektronisch erfasst sind. Deutschland und Europa hinken hier weit hinterher. Das Ziel hat Roche dabei fest im Blick: „Wir wollen tödliche Krankheiten in chronische Krankheiten überführen, wie das etwa bei HIV gelungen ist."

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www.roche.com

Fotos: Holger Peters