Wirtschaftsgespräche am Main mit Fraport-Chef Dr. Stefan Schulte

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  • 10.10.2017

„Wir müssen uns öffnen“

Air Berlin, Alitalia, Monarch: Im laufenden Jahr haben bereits drei namhafte europäische Airlines Insolvenz angemeldet. Was ist los auf dem Luftverkehrsmarkt? Und wo geht die Reise für den Flughafenstandort FrankfurtRheinMain hin? Mit Dr. Stefan Schulte, der seit 2009 die Geschicke des Flughafenbetreibers Fraport lenkt, war bei den 98. Wirtschaftsgesprächen am Main ein echter Branchen-Insider an Bord. Er berichtete über aktuelle Konsolidierungsbewegungen und kommende Umbrüche, über digitale Herausforderungen und Fliegen als Erlebniswelt. Für ihn ist klar: Fraport muss und will weiter mitwachsen.

Europa besitzt die größte Airline-Dichte weltweit. Doch es zeichnet sich ab: Zu viele Anbieter ringen hier um ein rentables Geschäft. „Wir erleben derzeit eine Marktkonsolidierung. Und sie wird weitergehen", führte Dr. Schulte die rund 100 Gäste im Frankfurter InterConti in das Thema des Tages ein. Besonders bemerkenswert sei dabei, dass der Luftverkehrsmarkt weltweit um vier bis fünf Prozent wachse, aber die deutschen Airlines legten kaum noch zu. Das spüre auch die Nummer eins der deutschen Airports. „Unser Wachstum erreichen wir längst nicht mehr primär durch deutsche Airlines", so der Flughafen-Chef. Der Grund liegt auf der Hand: der Kampf um die Lufthoheit zwischen Low-Cost-Carriern à la Ryanair und Netzwerkgesellschaften wie Lufthansa. Was machen Low-Cost-Carrier eigentlich anders als ihre alteingesessenen Kontrahenten? „Sie verfolgen ein sehr enges, bislang auf die Kurzstrecke fokussiertes Geschäftsmodell, sind nur online buchbar und können mit einer anderen Personal- und Kostenstruktur signifikant niedrigere Preise anbieten", so Dr. Schulte.

Harter Wettbewerbsdruck trifft digitale Zukunftsvision

Stichwort Online-Buchung: Zu den größten Herausforderungen gehöre natürlich ebenso die Digitalisierung. „Aber wir verstehen darunter mehr als automatisierte Buchungs- und Bordingprozesse. Auch wenn noch einige Hürden bis zur Umsetzung warten: Am Horizont sind bereits individualisierte End-to-End-Services erkennbar", erläuterte Dr. Schulte. „Das bedeutet, dass Sie dann von Bad Vilbel in einen Vorort von New York reisen, nur ein Ticket lösen und das System Ihre Mobilität door-to-door organisiert." Fraport müsse sein Geschäftsmodell hierauf anpassen, ist der Flughafen-Manager überzeugt. Ein erster Schritt in die richtige Richtung sei mit der Einführung der neuen VIP-Services getan. Zudem führe Fraport intensive Gespräche mit Lufthansa, um das Fliegen künftig noch stärker zu einer „Erlebniswelt" zu machen.

Reagiert hat Fraport auch bereits mit Blick auf die Low-Cost-Carrier. Machten sie bislang nur ein bis zwei Prozent des Umsatzes aus, im Vergleich zu rund zehn Prozent bei konkurrierenden Flughäfen, soll sich das ändern. „Wir müssen uns öffnen. Aber: Das Hub- und Interkont-Geschäft wird das Aushängeschild des Frankfurter Flughafens bleiben. Wir wollen unsere Konnektivität erhalten und weiter mitwachsen. Deshalb schaffen wir Kapazitäten für Wachstum." Aktuell werden von Frankfurt aus 100 Länder angeflogen, 300 Ziele sind direkt verbunden. Der Ausbau des Terminals 3, der eine neue Skyline-Bahn, einen zusätzlichen Autobahnzubringer und spezielle Umsteigeservices für Transitkunden beinhaltet, läuft.

Fraport goes international

Was in der Wahrnehmung oft etwas in den Hintergrund gerät: Fraport ist nicht nur Frankfurter Flughafenbetreiber, sondern auch weltweit aktiv. Das internationale Geschäft macht aktuell 40 Prozent der Erlöse aus – dazu gehören unter anderem 14 Flughäfen in Griechenland sowie zwei kürzlich übernommene Airports in Brasilien. Strategisch entschieden wurde laut Dr. Schulte, das internationale Geschäft perspektivisch auf 50 Prozent zu steigern, bringt es doch eine sehr gute Rendite. „Aber keine Sorge: Unser Frankfurt-Geschäft bleibt unser Anker. Wir wissen und schätzen, wo wir zu Hause sind", so der Schlusspunkt von Dr. Schultes Vortrag.

Die politischen Aspekte des deutschen Luftverkehrsmarktes sprachen die interessierten Gäste in einer anschließend von F.A.Z.-Herausgeber Werner D'Inka moderierten Fragerunde an. Mit Blick auf die Luftverkehrssteuer zeigte sich Dr. Schulte zuversichtlich, dass eine Abschaffung absehbar politisch möglich wird. Insgesamt sei die Gründung des Bundeverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), dem Dr. Schulte seit dem vergangenen Jahr ehrenamtlich vorsitzt, wichtig und richtig gewesen. In Berlin dringe man seither deutlich besser durch. „Doch es ist ein Unding, dass wir nach wie vor keine politische Perspektive für einen weiteren Kapazitätenausbau im Luftverkehr haben", machte Prof. Dr. Wilhelm Bender deutlich. Für den Vorstandsvorsitzenden der Wirtschaftsinitiative waren die jüngsten Wirtschaftsgespräche am Main zudem eine Premiere mit besonderem Charakter, konnte er doch mit Dr. Schulte erstmalig seinen direkten Nachfolger im Amt des Fraport-CEOs als Gastredner begrüßen. „Herzlichen Dank, dass Sie der Einladung unseres Netzwerks gefolgt sind und Ihren Co-Mitgliedern diese Einblicke gewährt haben."

„Wirtschaftsgespräche am Main" ist ein exklusives Veranstaltungs- und Kooperationsformat, das die Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain gemeinsam mit der Messe Frankfurt, dem Hotel InterContinental Frankfurt und der F.A.Z. ausrichtet.

Fotos © Kirsten Bucher