Wirtschaftsgespräche am Main mit Carsten Kengeter, CEO der Deutschen Börse

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  • 22.02.2017

„Es ist Zeit für mutige Entscheidungen“

Natürlich stand sie im Mittelpunkt der 95. Wirtschaftsgespräche am Main – die geplante Fusion zwischen der Deutschen Börse und der London Stock Exchange (LSE). Keine Überraschung, wenn der Gast Carsten Kengeter heißt und seit rund zwei Jahren die Geschicke der zentralen deutschen Handelsplattform lenkt. Besonders bewegt in FranfurtRheinMain ja die Frage nach dem Standort der angedachten Super-Börse die Gemüter. Das zeigte nicht zuletzt das große Interesse an der Veranstaltung, zu der die Wirtschaftsinitiative und ihre Partner wieder ins Frankfurter InterConti eingeladen hatten. Wie es um die Fusion und den Entscheidungsprozess der Regulierungsbehörden konkret steht, konnte der Börsen-CEO selbstverständlich nicht verraten. Aber was ein solches Projekt in Zeiten von Brexit und wiederkehrendem Protektionismus bedeutet, sehr wohl.

„Erinnern Sie sich noch an die frühen Social-Media-Angebote studiVZ und wer-kennt-wen?", fragte Carsten Kengeter zu Beginn in die Runde. „Netzwerke und Handelsplattformen haben etwas gemeinsam. Sie leben von der Menge ihrer Nutzer. Sind sie zu klein, werden sie abgeschaltet", ergänzte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse AG und fand sich schnell mitten im Thema der Stunde. Zusammenschlüsse seien ein probates Mittel, um zu wachsen und Stärken auszubauen, Größe bleibe der relevante Faktor für Erfolg. Die London-Fusion sei, wenn sie käme, ein enormer Schritt – aber eingebettet in eine gesamthafte Strategie. „Die Internationalisierung dient uns hier als Vehikel für unternehmerische Stabilität. Ohnehin ist die Börse per Gesetz ja eng an den Standort gebunden. Wir wollen und werden uns also sicher nicht zurückziehen, sondern, im Gegenteil, den Standort FrankfurtRheinMain stärken", so Kengeter weiter.

Gerade im Nachhandelsgeschäft sieht der Börsen-Chef viel Wachstums- und Innovationspotenzial – ein Bereich, in dem in Frankfurt und Eschborn ein nennenswerter Teil der Mitarbeiter tätig ist. Doch dafür brauche es die besagte Größe und Liquidität, die durch internes Wachstum nicht zu erreichen sei. Eindrucksvoll untermalte Kengeter dies mit einem schwindelerregenden Zahlenvergleich. Während etwa in den USA ein jährliches Aktienhandelsvolumen von 44 Billionen US-Dollar auf 3 Börsenplätze entfalle, seien es in Europa 12,5 Billionen auf 18 Orte.

„Die politische Großwetterlage macht deutlich: Es ist Zeit für mutige Entscheidungen. Gerade Europa steht vor ernsten Herausforderungen. Nichtstun ist keine Option", zeigte sich Kengeter kämpferisch, räumte jedoch angesichts zunehmender Skepsis etwa in der hessischen Landespolitik ein: „Die vielen Vorteile, die wir in einer Fusion mit der LSE für Unternehmen und Standort sehen, müssen wir noch besser erklären. Der direkte Zugang zum größten Finanzplatz der Welt wäre gerade im Zeichen des Brexit ein echter Coup."

Fusion hin oder her: „Die Finanzindustrie befindet sich mitten in einer riesigen DNA-Veränderung. Diesen Zukunftsweg wollen wir aktiv mitgestalten", so Kengeter. Am Innovationsstandort FrankfurtRheinMain arbeitet das Unternehmen am Aufbau eines Ökosystems rund um das Kerngeschäft und betreibt dazu einen FinTech-Hub, eine Venture Capital-Gesellschaft und zahlreiche Projekte etwa im Bereich Börse 4.0 oder Blockchain. Auch das kürzlich neu gestartete Börsensegment für kleinere und mittlere Unternehmen namens „Scale" soll für positive Entwicklungen sorgen.

Prof. Dr. Wilhelm Bender, der Vorstandsvorsitzende der Wirtschaftsinitiative, dankte Carsten Kengeter für sein Kommen und die angeregte Diskussion und sicherte die Unterstützung des Unternehmernetzwerks und seiner Mitglieder zu. „Den Spagat zwischen internationalem Geschäft und regionalem Entscheidungsumfeld kennen wir in diesem Kreis sehr genau."

„Wirtschaftsgespräche am Main" ist ein exklusives Veranstaltungs- und Kooperationsformat, das die Wirtschaftsinitiative FrankfurtRheinMain gemeinsam mit der Messe Frankfurt, dem Hotel InterContinental Frankfurt und der F.A.Z. ausrichtet.

Fotos: Kirsten Bucher

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